14.8.2010 Redecilla – St. Juan de Ortega (38 km)

Tja, da lag er wieder, der Italiener. Da wir uns vorgenommen hatten, an diesem Tag nach St. Juan zu laufen, klingelte früh  der Wecker und wir machten wir uns um kurz vor sechs Uhr auf die Straße – im Dunkeln noch. Es würden etwa 36 – 38 km werden, je nach Kilometertabelle. Meine Freundin Silvia schwärmte immer so von St. Juan, da wollte ich auch mal dort übernachten. Ich glaube, sie war dagewesen, als noch José María Alonso hier seine Knoblauchsuppe kredenzte.

Ein letzter Blick auf die Kirche von gestern abend, dann ging es los durch die Felder nah an der Straße. Erst durchqueren wir Castildelgado, dann kam Viloria. Dort  machten wir am Kilometerschild eine wundersame Entdeckung:

Kleines Pilgerratespiel: Was ist hier anders?

Links und rechts von der N-120 geht es weiter. Wir erreichten Belorado und fanden die Kirche St. María offen. Dort hatten wir eine sehr schöne Pilgerandacht erlebt. Heute hängt ein Ché-Jesus in der Kirche und schaut einem mit meinem Konfirmationsspruch freundlich beim Beten zu: „Yo soy el camino“.

Gern wäre ich länger geblieben, doch Santiago war deutlich abmarschbereit. Ich kann auch nochmals einen Blick in die originelle Pilgerherberge in dem alten Theater werfen. Zügig fanden wir unseren Weg aus Belorado heraus. „Pueblos miserables“ nannte Santiago einige der Dörfer, die wir heute durchquerten: Villamayor del Río, Villambistia, Espinosa del Camino.

Aber es gab auch ein Highlight in Tosantos, die Ermita St. María de la Peña, die von weither am Berg zu sehen ist. Frühstückspause gab es erst in Villafranca Montes de Oca, vorher hat nix offen. Vor allem war jetzt Rast angesagt, weil nach Villafranca geht es in jene Montes de Oca, so richtig, richtig steil den Weg hinauf. Das war mal wieder ein schönes Städtchen mit der knubbeligen Kirche, die schon vom Eingang her so gut sichtbar ist. Vor einer Bäckerei am Ortseingang saß eine bunte Gruppe von Pilgern, die uns auch an ihren Tisch einlud, vor allem eine Peruanerin, die Santiago nach seiner Heimat fragte. Ja, sie erkennen sich…so häufig sind Latinos nicht auf dem Camino zu finden. Aber da die Tische direkt am Parkplatz standen, schlugen wir die Einladung aus und suchten uns einen stilleren und schöneren Ort. Wir passierten die Kirche und wen sahen wir? Den Italiener mit der gestreiften Jacke und dem roten Fahrrad. Wir grüßten und fragten uns wirklich: Kommt der mit seinem Fahrrad nicht schneller voran? Warum ist er noch hier! Erst fuhr mit viel Mühe den Berg hinter der Kirche bis zum Hotel und zur Herberge hinauf und schaute sich alles an, dann liess er sich wieder hinunterrollen. Dieser Mann gab uns wirklich Rätsel auf.

Wir setzten uns auf eine grüne Bank unter einen schönen Baum und genossen, was wir hatten. Während wir noch saßen, kamen eine Menge Pilger den gepflasterten Weg bergan. Und das verliebte französische Pärchen aus Logroño. Irgendwann auch der Deutsche mit der Narbe und das blonde Mädchen aus Redecilla. Sie kehrten in der Herberge ein, die hinter dem Hotel lag, bestimmt eine schöne Herberge! Das war zwar noch früh, gerade zwölf Uhr, aber wir hatten ja auch schon 26 km hinter uns, eine rekordverdächtige Strecke für die Uhrzeit. Allerdings war es auch frisch gewesen, hatte sogar ein wenig geregnet. 12 km hatten wir heute noch auf dem Zettel und sicher den einen oder anderen Anstieg.

Innerlich gerüstet für den Aufstieg machten wir uns wieder auf den Camino. Und es war steil. Und dann ein menschliches Highlight: Uns kam ein Pilger entgegen mit einem wirklich riesigen blauen Müllsack. Santiago sprach ihn an. Er erzählte uns, er sei auf dem Rückweg von Santiago und hätte dort für sich die Aufgabe angenommen, den Camino auf dem Rückweg von Müll zu befreien. Wahrhaftig hatte eine Menge gefunden und so dauerte sein Weg bestimmt länger, als wenn er einfach nur gelaufen wäre. Trotz dieser unhandlichen Last war er sehr guter Laune, aber das ist auch ein Lohn der exzellenten Tat, der Heilige Geist kehrte mit Freude bei ihm ein. Wir sprachen ihm unsere Anerkennung aus und dankten ihm. Das fanden wir richtig klasse, ein Camino-Engel! Ach ja, liebe Mitpilger, das können wir alle, machen wir mit!  Was wir unterwegs nicht mehr brauchen, das können wir auch noch so lange tragen, bis wir irgendwo ankommen, wo wir es auf rechte Weise entsorgen können.

Und es lohnt sich. Eine wunderschöne Landschaft beginnt in den Montes de Oca, ein Sahnestückchen auf dem Camino, das ich unbedingt nochmals laufen wollte. Duftende Kiefernwälder, aber auch Laubbäume, ob der Feuchtigkeit mit Flechten bewachsene Baumstämme, Farne, Gräser, Moose und bemooste Steine.

Wälder in den Montes de Oca…

Heidekraut, Steineichen und Eiben

Doch als wir eine Weile auf dem Bergrücken entlanglaufen, entdecken wir, dass die damals frischgeschlagenen Schneise, die wir das letzte Mal entlang gelaufen sind, heute Landstraße sind. Damals war es wirklich still, weit ab von jeder Straße. Oder war damals die Landstraße schon so dicht am Camino? Ich weiß es nicht.

Die neue steile Piste

Dafür ist jetzt großenteils aus einem sanften, weichen, fußschonenden Waldcamino eine Schotter-Piste geworden, die für die Bicigrinos ein Paradies ist, so wie sie teilweise vor Freude johlend an uns vorbeirauschten. Eines der schönsten Wegstücke des Francés war so für mich doch etwas entzaubert. Ja, liebe Pilger, der stille Zauberwald der Montes de Oca ist jetzt teilweise als Rennstrecke freigegeben. Dass zusätzlich hier die Quads ebenfalls ihren „Camino“ haben erwähne ich nur nebenbei… Schade!

Bicigrinos im Geschwindigkeitsrausch

Der Weg bis zum Kloster zieht sich, es ist wieder viel Piste, die wir nun laufen. Wir trafen unterwegs das französische Pärchen beim Pausieren, sie waren an diesem Tag in Viloria, also ein Dort weiter als wir, aufgebrochen. Gegen halb drei sahen wir in der Distanz St. Juan und um drei Uhr waren wir da. Eine junge Frau stempelte im Dunst ihrer Räucherstäbchen unsere Credenziale, dann wurden wir kurz eingewiesen und suchten uns nach dem Schuheausziehen unser Bett. Die Schlafräume sind recht groß und meist sind es recht betagte Metallstockbetten mit dicken Matratzen. Es war kalt! Mit der Essensversorgung war es hier nicht so günstig. Es gab zwar eine Bar nebenan und ansonsten Getränkeautomaten im Vorraum der Herberge, aber sonst nur einen Speiseraum mit einer einsamen Mikrowelle. So gab es nur die Reste vom Brot aus Villafranca, Tomate und Käse und – eine Rolle Marías, unsere ewige Notration. Dafür hatte dieser Abend eher eine spirituelle Note.

Wir fanden unser Bett im 2. Schlafraum und es trudelten noch mehr Bekannte ein. Das französische Pärchen landete neben uns. Und es war schon anzusehen, wie behutsam und sorgsam der Mann sich um Beine und Füße seiner Hélène kümmerte, sie eincremte und massierte. Beneidenswert… Und als wir Siesta hielten, da war auch der junge Brasilianer aus Logroño dort. Er hatte mit einem blonden, deutschen Mädchen Bekanntschaft gemacht und ihr Flirtgespräch auf Englisch und Deutsch, das er zu lernen suchte, unterhielt den ganzen Raum. Sie kicherte die ganze Zeit etwas albern wie Baby aus Dirty Dancing und er strahlte über das ganze Gesicht wie ein Honigkuchenpferd, so offen und freudig hatten wir ihn noch nie gesehen. Nett, oder? Haben wir ihm gegönnt! Irgendwann wollte er von ihr das Vaterunser auf Deutsch lernen, da machte sie leider unterwegs schlapp, doch aus mehreren Betten im Raum erscholl die Fortsetzung, so dass das Vaterunser dann für den jungen Mann vollständig wurde.

Wir trafen auch die blonde Spanierin mit dem Pilgerwägelchen aus Redecilla wieder. Sie war erst gegen halb sieben da, aber tapfer, tapfer, wenn  man bedenkt, welche Steigungen sie ihr Wägelchen hochgezerrt haben musste. Sie bekam kein Bett mehr, aber wir öffneten ihr die Tür zur Herberge und schlussendlich übernachtete sie auf ihrer Matte im Speiseraum.

Auf dem großen Platz trafen wir auch ein älteres, deutsches Pilgerpärchen, dass Santiago ansprach und sich an ihn erinnerte, wie er nach Logroño hineingejoggt wäre. Aha, so läuft er also, wenn er allein ist! Daher war er schon vor ein Uhr dagewesen! Nichts bleibt geheim auf dem Camino… Da durfte ich das Pärchen dann natürlich mit einem echten Santiago fotografieren und bestimmt hat dieses Bild einen Ehrenplatz im Fotoalbum.

Nach der Siesta besichtigten wir die Kirche und die Ausstellung. So waren nun die alten Bereiche des Klosters wieder offen, die vorher verschlossen waren. Gut hat es mir gefallen hier, eine Mischung zwischen traditioneller Ausstellung und Multimedia. Wir besuchten die Abendmesse. Da noch etwas Zeit war, beteten wir ein wenig. Kurz vor sieben Uhr stand ein Mann in einem karierten Hemd auf, der die ganze Zeit in einer der vorderen Bänke gesessen und gebetet hatte und kam im Talar wieder, der örtliche Pfarrer. Und so begann die Vorabendmesse zu Maria Himmelfahrt. Die Kirche war voller Pilger. Die 1. Lesung war die faszinierende und gewaltige Marienszene mit dem Dachen aus der Offenbarung des Johannes 11 und 12:

Der Tempel Gottes im Himmel wurde geöffnet, und in seinem Tempel wurde die Lade seines Bundes sichtbar: Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen. Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt. Die Frau aber floh in die Wüste, wo Gott ihr einen Zufluchtsort geschaffen hatte. Da hörte ich eine laute Stimme im Himmel rufen: Jetzt ist er da, der rettende Sieg, die Macht und die Herrschaft unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten.

Auf Spanisch klingt das nochmal so krass. Die andere Lesung war Marias Besuch bei Elisabeth und das Magnificat, was ich beides ebenfalls schon gut kenne. Und auch hier klingt das Magnificat toll auf Spanisch:

„Mi alma glorifica al Señor, y mi espíritu se regocija en Dios mi Salvador, porque se ha dignado fijarse en su humilde sierva.Desde ahora me llamarán dichosa todas las generaciones, porque el Poderoso ha hecho grandes cosas por mí.¡Santo es su nombre! De generación en generaciónse extiende su misericordia a los que le temen. Hizo proezas con su brazo; desbarató las intrigas de los soberbios. De sus tronos derrocó a los poderosos, mientras que ha exaltado a los humildes. A los hambrientos los colmó de bienes,y a los ricos los despidió con las manos vacías. Acudió en ayuda de su siervo Israel y, cumpliendo su promesa a nuestros padres, mostró su misericordia a Abraham y a su descendencia para siempre.“

Nach der Messe hielt uns der Pfarrer eine ausführliche Pilgerandacht mit Pilgersegen, dazu lagen in der Kirche auch Heftchen in mehreren Sprachen aus. Der Pfarrer erklärte uns noch einige der Besonderheiten dieser wunderbaren Kirche. Zum Schluss sangen wir gemeinsam das Salve Regina. Schön war das, verbindend auch! Morgen würde er sein, der große Tag Mariens! Vor einem Jahr war ich in Fulda im Benediktinerinnenkloster als Pilgerin zu Gast gewesen und hatte an der großen Maria Himmelfahrts-Prozession im Park gegenüber dem Dom teilgenommen. Was würde ich nun hier auf dem Camino erleben?

Und hier nun die Bilder der Kirche von St. Juan. Disfruta:

Baldachin des San Juan de Ortega

Unter diesem filigranen Steinbaldachin liegen zwar nicht die sterblichen Überreste des Heiligen, aber auf den Seiten sind Szenen und Wunder seines reichen Lebens abgebildet. Und durch den Baldachin durch lenkt sich trotzdem der Blick auf den Hauptaltar mit dem Heiligsten von allen, Jesus. Es haut einen förmlich um.

Seitenansicht des Baldachins

Retablo de la Virgen

Der römische Steinsarg befand sich in der Ausstellung

Bildausschnitt auf dem Steinsarg

Er wies uns auch auf das Capitel del la Annunciación hin. Am Tag der Tag-und-Nachtgleiche fällt ein Lichtstrahl auf diese Säulenskulptur und beleuchtet nacheinander die Szenen von der Ankündigung der Geburt Jesu bis zur Geburt und ihrer Verkündigung durch den Engel an die Hirten. Eine genaue Bildabfolge dieses Phänomens sieht man hier. Was die damals alles konnten!

Es wurde kalt abends hier oben, wir befanden uns ja schon wieder auf über 1000 m. Man konnte auch so richtig nichts mehr machen – außer sich ordentlich zudecken und schlafen. Was wir dann auch taten…nachdem ich meinen Rosario noch gebetet hatte.

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