13.8.2010 Nájera – Redecilla del Camino (31 km)

Ein regnerischer Morgen überredete uns zu einem ausführlichen Frühstück in der Herberge und ein später Aufbruch brachte uns auf den Anstieg nach Nájera. Die Sandsteinformationen dort hatten wir noch in lebhafter Erinnerung. Im Regen anstatt in der goldenen Abendsonne wirkten Sie natürlich etwas anders:

Nach Azofra: 2007 und 2010

Der Camino kann ganz anders sein auf zwei Besuchen und das war auch, wozu wir uns weiter entschlossen. Wir haben den ganzen Camino nicht wieder in einer Herberge geschlafen, in der wir 2007 gewesen waren. Nur in Burgos und in Carrión de los Condes übernachteten wir im gleichen Ort. Nachdem der Nieselregen aufhörte, riss der Himmel wieder auf und schon zwei Stunden später gab es wieder Himmelblau und Schäfchenwolken. Der Weg zwischen Nájera und Santo Domingo de la Calzada war schön – und voll. Obwohl die Autobahn auch hier immer näher rutschte, es war doch ein gebührender Abstand bis zur Baustelle.

Noch überwiegend Regenwolken...

 

...so langsam reißt der Himmel auf...

...bis blauer Himmel durch die Wolken scheint...

...und schönes Wetter nicht mehr aufzuhalten ist.

Übrigens, toller Weg, oder? Wir durchquerten gegen halb neun Azofra und ich fotografierte die Herberge mit den Zweibettkabinen, die uns so gut gefallen hatte. Aber wir liefen durch Azofra durch und hielten nicht an, während um ums herum der Großteil der Pilger in den Bars einkehrte. Wir wollten heute nicht, wie so viele, bis St. Domingo de la Calzada, nein, es sollte weiter sein, bis Grañon, eine weitere parroquiale Herberge. Die ersten 6 km waren ja auch sehr schnell vergangen und der Weg war heute eben wieder wirklich ein Genuss. Heute war auch ein Tag der Bicigrinos, die vielfach an uns vorbeifuhren. Manchmal hat der Fußpilger bei Bicigrinos auch das Gefühl, dass „Buen Camino“ ein Synonym für „Jetzt aber weg da!“ ist. Und andere fahren so dicht auf, dass man sich total verjagt, wenn hinter einem plötzlich jemand laut atmet und man daran merkt, dass sie vorbei wollen. Santiago stellte fest, dass kaum einer von den Radfahrern klingelte, einfach weil sie keine Klingel am Fahrrad haben. Den Spaniern rief er häufiger nach: „Un donativa para una campana!“ „Eine Spende für eine Klingel!“ oder „Comprate una campana!“ „Kauf dir ’ne Klingel!“

Unterwegs nach Santo Domingo sahen wir, wie das Babypilgern aussah: Eine Gruppe spanischer Bicigrinos kam an uns vorbei, der sportlich-drahtige Vater hatte hinten einen Anhänger dran, in dem das Baby saß und eine Menge Gepäck. Die Mutter hatte nur wenig Gepäck auf ihrem Fahrrad.  Der Anhänger schleuderte teilweise heftig die Schotterpisten entlang und Berge runter, dass ich schon Bedenken um die Wirbelsäule des Babys hatte! Sie wurden von einem anderen Pärchen begleitet. Aber wer weiß, was diese Gruppe auf dem Zettel hatte…In Cirueña sahen wir die Sie vor dem großen Golfplatz bei einer Pause.

Bicigrinos-mit-Baby-Pause

Bicigrinos-mit-Baby-Pause vor dem Golfplatz von Ciruena

In Cirueña ist weiter gebaut worden, viele neue Häuser, aber man sieht auch viele Verkaufsschilder „A Vendre“. Die Finanzkrise ist auch hier angekommen. Der große Swimmingpool lag einsam in der Mitte, nur die Pilger zogen in langer Reihe vorbei. Wir trafen auf einem Rastplatz die Gruppe um den Capucchino wieder. Diesmal machten wir nicht den Umweg an den Bars vorbei, sondern liefen direkt weiter zum Kreisverkehr mit der Pilgerstatue.

Zwei Pilger...

Durch sanfte Hügel führte uns der Camino weiter, Pilger allenthalben heute.

Landschaftswechsel von Wein zu Weizen

Wieder ein ganz normaler spanischer Sommertag inzwischen. An den Regen erinnert nur noch Santiagos  Rucksackregenschutz. Hinter weiten Weizenfelder entdeckten wir den Kirchturm von Santo Domingo de la Calzada und bald sahen wir weiter unten im Tal Santo Domingo vor uns liegen.

Und da liegt es: Santo Domingo de la Calzada

Und da liegt es: Santo Domingo de la Calzada

Kapelle in St. Domingo de la Calzada quer über den Platz von der Kathedrale

Durch das Industriegebiet mit den Kartoffelfabriken laufen wir in die Stadt. An einem kleinen städtischen Kiosk lassen wir die Credenziale stempeln. Wir kannten noch den Eingang zum Hof zum DIA-Supermarkt und versorgten uns. Ich fand etwas, was ich in Spanien immer total gern esse: Pimientos de Padrón, das sind ganz kleine, grüne Paprikaschoten, bei denen man nur den Stiel abschneidet und sie dann ganz brät. Da wir seit gestern abend sehr auf die Geflügelwürstchen standen, kaufen wir ebenfalls zwei Päckchen, damit war unser Abendbrot gesichert. ¡Excelente! Als alles verstaut ist, geht es weiter zur Kathedrale. Inzwischen ist auch der käfigmäßige Zugang für den Culto-Pilger in der Kathedrale gesperrt, die Kathedrale dient tagsüber allein dem Tourismus. Wir halten uns an unsere Schwur von St. Juan de la Peña und bezahlen keinen Eintritt. Zum Beten dient gegenüber eine kleine Kapelle. Gott ist das egal, wo wir beten, dann soll es eben die kleine Kapelle sein! Langsam glaube ich, das ist Ihm auch lieber.

Ich frage mich häufig: Im Glaubensbekenntnis heißt es ja „Ich glaube an Jesus Christus“, aber GLAUBEN CHRISTEN JESUS? Glauben sie, was er uns sagt? Setzen sie es um? Halten sie sich daran? Ich denke: nicht sehr oft. Weil kaum einer tut, was er uns vorgeschlagen hat. Kann ich jedenfalls nicht beobachten!

St. Domingo de la Calzada

Auf der schönen Plaza España gab es Frühstück in St. Domingo de la Calzada nach 21 km. Waren wir gut voran gekommen an diesem Morgen. Nach dem Frühstück verließen wir St. Domingo auch gleich wieder. Es war inzwischen etwas wärmer geworden. Wir trafen mehrere Pilger erschöpft im Schatten am Wegesrand sitzen. Hinter St. Domingo gab es wieder eine große Straßenbaustelle und wieder einen neuen Pistencamino. Am Fuß einer Anhöhe sahen wir plötzlich einen Menschen in einem weiten, langen Gewand, fast wie ein Wandermönch, der uns entgegen kam. Beim Näherkommen entdeckten wir, es war eine Frau, die einen Hund auf dem Arm trug. Sie hatte eine merkwürdige Nachricht für uns: „Passt bloß auf, es ist schrechklich. Dieser neue Weg ist eine große Gefahr für uns alle. Die Guarda Civil will uns hier treffen und töten. Sie will Euch abknallen und mich auch.“ Und sie machte mit ihrer Hand mehrfach die Geste des Schießens. Das war unheimlich. Wahn? Bisher hatten wir eigentlich positive Kontakte zur Guarda Civil gehabt. Weiter ging es in Gedanken – was war das jetzt?

Nur der Kirchturm ist zu sehen hinter den Feldern

Irgendwie war der Weg nach Grañon umgelegt worden, das war das letzte Mal überhaupt nicht so nah an der Landstraße gewesen. Wir hatten hauptsächlich Erinnerungen an Weizenfelder.  Als wir uns weiter näherten, sahen wir an den Markierungen, wo der alte Weg herkam. Einen kleinen Umweg vor dem Ort haben wir uns geknickt – gings mal wieder an einer Bar vorbei ? – und haben Grañon von Südosten aus betreten. Die Herberge sollte an der Kirche sein. Wir betraten das Gebäude unten am Kirchturm, wo uns eine Wendeltreppe nach oben führte. Als erstes trafen wir auf einen freundlichen Krug mit Sonnenblumen. Dann kamen wir an einem Schlafraum vorbei, bei dem die Matrazen auf dem Fußboden lagen und zum Herbergsaufenthaltsraum, in dem einige ältere Möbel, ein Klavier und ein Kamin eine gemütliche Atmosphäre verbreiteten. Eine Frau sagte uns auf Englisch: „It’s a good place!“

Rosen und Lavendel: Brunnen am Ortsausgang von Grañon

Doch irgendwas stimmte nicht, wir konnten uns nicht zum Bleiben entscheiden. Wir hatten in Santiagos Kopf auch noch nicht die 30-Kilometer-Marke erreicht. Daher zogen wir weiter. Es hatte sich wieder etwas bewölkt, war windig, sah sogar fast nach Regen aus. Hinter Grañon etwa auf der Mitte der Strecke nach Redecilla liegt die Grenze zwischen La Rioja und Kastillien. Eine große Tafel weist darauf hin und zeigt die kommenden Orte an. Belorado, St. Juan de Ortega, Burgos…das war das nächste.

Und ab jetzt: Kastillien

Am Ortseingang von Redecilla gibt es ein Tourismus-Büro, in dem wir unsere Credenziale stempeln lassen. Wir finden einen kostenlosen und handlichen kleinen Führer für Castilla y León, in dem die Distanzen drin stehen, die Sehenswürdigkeiten und die Herbergen. Wer sich diesen Führer ansehen will, findet ihn hier. Es war schon nach vier Uhr, nach diesem Führer hatten wir schon 31 km hinter uns, Zeit zur Einkehr. Seit Pamplona waren es schon 156 km, also auch genug in 5 Tagen.

Wir fanden in der Nebenstraße rechts der N 120 eine recht moderne Herberge, aber auch das ist ja nicht schädlich. Auch hier war der Herbergspreis Donativo. Auch essen konnte man hier, doch da wir unsere Verpflegung schon eingekauft hatten, begab ich mich gleich nach dem Duschen in die Küche und kochte Reis, Würstchen und eben unsere Pimientos de Padrón. Santiago hatte einen Internet-Anschluss gefunden und war beschäftigt. Und ich hatte eine Waschmaschine entdeckt, wo man für einen Euro waschen konnte. Super, das war mal wieder notwendig, besonders bei meiner Hose.

Hier fanden wir noch einen anderen Herbergsführer, ein Faltblatt, der ebenfalls die Distanzen sehr kompakt darstellte, aber sonst mehr auf die privaten Herbergen abziehlte. Er heißt „Donde el camino se hace reposo“ und befindet sich hier. Nach diesem Führer hatten wir seit Pamplona schon 172 km zurückgelegt und an diesem Tag fast 36 km. Insgesamt weisen beide Führer eine Kilometerdifferenz von Roncesvalles bis Santiago von ca. 45 km auf, vor allem auf den letzten Kilometern vor Santiago.

Unser Essen schmeckte hervorragend, dann war es Zeit für eine Siesta, bis es abends noch einen Besuch in der Kirche geben sollte. An diesem Tag trafen wir in Redecilla mehrere Menschen, die wir über eine lange Zeit immer wieder treffen sollten. Wir begegneten einem Deutschen mit einer Narbe auf der Stirn, der mit einem blonden Mädchen unterwegs war. Auf dem oberen Bett neben uns schlief ein kleiner älterer Franzose, über dessen Geschnarche direkt in sein Ohr Santiago sich gar nicht freute. Wir trafen eine blonde, ca. 60-jährige Spanierin, die keinen Rucksack trug, sondern ein Wägelchen hinter sich herzog. Ihr Spanisch war für mich total schwer zu verstehen, aber sie war ein ganz lieber Mensch.

Und wir trafen wieder den jungen Italiener mit dem Fahrrad aus Nájera. Jetzt lag er mit Schuhen auf seinem Bett. Später gab es mit den Hospitaleros einen Riesenkrach, weil sie seinen Pass sehen wollten, denn Guarda Civil würde wegen Diebstählen jetzt genauer die Pilger kontrollieren wollen. Der Italiener strich seinen Namen in einem von den Hospitaleras unbemerkten Moment aus der Liste aus und verschwand. Den Pilgern, die das mitkriegten, wurde etwas mulmig und irgendwie behielten wir ihn gemeinsam im Auge.

Als wir in die Kirche kamen, saß er wieder da, ganz hinten auf eine Bank geflezt, aber irgendwie niedergeschlagen. Wir fragten uns, was mit ihm wohl sei? Der Gottesdienst war sehr schön, die Gemeinde betete sich mit einer Novene auf Maria Himmelfahrt zu, die Kirche war ziemlich voll. Meinen Eucharistiesegen ließ ich dem Italiener zukommen und wünschte ihm alles Gute. Am Ende des Gottesdienst stimmte die Gemeinde – so gar nicht in Übereinstimmung mit dem Willen des Priesters, der lieber zusammengepackt hätte – noch ein Lied an und sang es viele, viele Strophen durch. Das fanden wir schön! Das war von Herzen aller! Gemeinsamer Geist!

Kirche von Redecilla

Nach dem Gottesdienst verschwand der Italiener wieder, und wir dachten: Nun ist er weg! Doch mitten in der Nacht musste er wieder gekommen sein, denn er lag morgens wieder schräg unter mir in dem Bett – mit Schuhen…

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