10.08.2010 Cirauqui – Los Arcos (39 km)

In der Nacht hatte der Wind ganz schön gepfiffen, so dass wir uns fest in unsere Schlafsäcke und aneinander rollen mussten. Doch der nächtliche Sternenhimmel in den kurzen Aufwachmomenten war überwältigend und begleitete stetig und belohnte  immer wieder das Draußenschlafen.

Der Wecker war um 5.30 Uhr gestellt, doch es war noch stockdunkel, daher stellte ich den Wecker neu auf 6 Uhr, damit wir wenigstens etwas sehen konnten beim Einpacken. Die halbe Stunde verging in einer Minute und nun war wirklich das Aufstehen dran. Santiago half mir beim Zusammenrollen von Matte und Schlafsack, beides ist mir im morgendlichen Aufstehen doch anstrengend – für ihn glücklicherweise nicht.

Bald kamen wir nach Cirauqui. Noch vor dem Ortseingang sahen wir einen neu geschaffenen Ruheplatz mit Bänken, für das Heilige Jahr wohl alles nochmals neu gemacht. Doch hatte es damals all die neuen Häuser da beim letzten Mal schon gegeben? Hatten wir das alles verdrängt, nur unsere romantische Brille aufgehabt? Das alles konnte ich nicht erinnern…

Immer deutlicher wurde mir: man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Aus dem vielen „Te recuerdas? (Erinnerst Du Dich?) mussten wir bald herausfinden und diesen neuen Camino als ganz neue Erfahrung annehmen. Das Besondere des ersten Weges konnte nicht für den neuen Weg gelten, dieser Weg würde andere, neue Erfahrungen haben.

Trotzdem wollte ich in Cirauqui auf den Kirchplatz sehen, obwohl die Pfeile einen daran vorbei führen, denn es geht diesmal durch einen Tunnel unten am Ortszentrum vorbei, wo praktischerweise der städtische Pilgerstempel ausliegt.

Chrismon Cirauqui
Chrismon an der Kirche von Cirauqui

Die örtliche Pilgerherberge lehrte sich gerade, als wir aufstiegen, uns kam dabei ein ganzer Schwung Pilger entgegen.

„Te recuerdas?“ Wieder fragten wir einander. Ja, ich erinnerte mich, doch das Gefühl von damals kam nicht hoch. Es war eben früher morgen und damals war es Siesta-Zeit. Ich fand an der Kirche das gleiche Zeichen wie an der Kathedrale von Santiago – das Chrismon mit dem Omega links vom Alpha, ein Zeichen, dem ich nach dem letzten Camino viel Bedeutung zugemessen hatte.

Nach Cirauqui verläuft der Camino mal links, mal rechts der Autobahn, bis der Eingang nach Lorca gefunden wird. Uns kommt es so vor („Te recuerdas en este camino?“ Erinnerst du dich an diesen Weg?“), als verliefe der Camino jetzt viel mehr auf befestigten Schotterpisten als auf Sandwegen. Schön für Radfahrer und Regenpilger, schlecht für unsere Füße. Ja, ehrlich, diese Schotterpisten gingen mir schwer auf die Füße und damit immer mehr auf den Geist und ich sehnte mich zurück nach schmalen, fußschmeichelnden Sandwegen.

In Lorca hielten wir an zum Frühstück an dem ewig fließenden Dorfbrunnen. Wir machten uns frisch und sauber, wuschen schnell im Wasser aus, was von gestern noch roch und setzten uns auf die Bank. Pilger kamen vorbei, unter anderem eine Gruppe von 4 italienischen Pilgerinnen. Sie trafen auf zwei Bicigrinos, die sie wohl kannten, machten Erinnerungsfotos. Ein kurzer, lautstarker Auftritt, dann war es wieder vorbei und das Geplätscher des Brunnen war alles, was akustisch weiter unser Frühstück begleitete. Wieder ein „Te recuerdas?“ als wir an den beiden Pilgerherbergen vorbeiliefen. Wir waren in der rechten eingekehrt…und auch an den Kaffeeautomaten am Ortsausgang erinnerte ich mich…doch gefrühstückt hatten wir schon…doch hatten all diese schicken Einfamilien-Häuser damals schon da gestanden???

Ebenfalls ohne viel Erinnerungen durchquerten wir Villatuerta. Als wir später auf dem Camino über diesem Ort sprach, konnten wir uns nicht mal nach 3 Wochen daran erinnern und mussten ihn in unserer Liste nachschauen, es waren nur vage Bilder hängengeblieben von Einfamlienhäusern und hellen Straßen, nichts war uns eines Bildes wert gewesen.

Nicht so Estella, die nächste Stadt. Unser Hirnspeicher sprang freudig an. Am Ortseingang trafen wir auf einen Spruch an der Wand: „Donde estan tus sueños, vivelos antes de morir“ = „Wo sind Deine Träume? Lebe sie, bevor Du stirbst!“ Wir waren gerade dabei… Am Brunnen neben der Kirche St. Pedro an der Plaza San Martin gönnten wir unseren Füßen eine nächste Pause, gönnten uns einen frischen Pfirsich.

Auf dem Weg aus Estella heraus hielten wir an einem Fahrradgeschäft an, denn Santiagos Matte hatte ein Loch, das er gern flicken würde. Doch die Flicken, die er brauchte, hatte er nicht. Der Laden war voll, die Bicigrinos standen Schlange. Eine Menge Material braucht man wohl mit dem Fahrrad, so wie es aussah. Der Weg stieg an. Doch ein Lidl-Schild lockte uns vom Camino weg, mal wieder günstig einkaufen war angesagt. Vor allem unseren Kaffeevorat konnten wir auffüllen, fanden aber auch wieder Gazpacho, auf dessen Kühle und gesunde Frische wir uns als Mittagessen schon freuten. Der Weg an der Straße war viel einfacher als der Camino zu laufen und so kamen wir schnell am Weinbrunnen von Irache an – der bis auf ein paar Tröpfchen leer war! Nun, dann also ins Kloster Irache mit seiner wunderschön einfachen, so friedvollen Kirche.

Nach dem Kloster kamen wir an dem großen Campingplatz vorbei. Vor einem Hostal auf der gegenüberliegenden Seite saßen ein paar junge Spanier. Der eine kommentierte: „Esa gorra es fea!“ = „Deine Basecap ist häßlich!“ Ich fragte ihn warum. Er sagte: „Porqué es de España, aquí es Pais Vasco“ = „Weil sie von Spanien ist, hier ist das Baskenland!“ Wäre ich schlagfertig, hätte ich gesagt: „Wenn das Baskenland Fußballweltmeister wird, dann trage ich eine Basecap vom Baskenland!“ Bin ich nicht, aber dafür Santiago. Er erwiderte dem jungen Basken: „Die ganze Welt kennt dieses Land als Spanien, wenn du das anders siehst, ist das allein dein Problem!“ Normalerweise sind ja Separatisten eher „konservative, alte Säcke“, hier kommen sie aber offensichtlich auch schon in jung. Santiago hat wirklich Mut! Wieviel, das sahen wir ein paar Tage später: in den Nachrichten kam ein Video von vermummten Basken mit erhobenen Fäusten, die wieder einmal eine neue Ära der Gewalt ankündigten.

Kurz vor Azqueta überholten uns mit langen Schritten zwei junge Spanier. Wir grüßten sie mit „Buen Camino“, sie grüßten zurück mit „Y un buen vino!“, während einer von ihnen eine große Plastikflasche voll mit Rotwein hochhielt. DA war also der Wein von Irache gelandet. Vor Azqueta liegt eine wunderbare Wegstrecke durch einen schattenspendenden Wald von Steineichen, was für ein Genuss. Es war schon Mittagszeit und die Hitze gewaltig, da wallt über jeden Baum Dankbarkeit auf. In Azqueta hielten wir für eine kleine Pause an, füllten unsere Wasserflaschen wieder auf und weiter ging es. Als wir zur Fuente de los Moros kamen, einem Haus mit einem tiefen Wasserbecken, da trafen wir die zwei Spanier mit der Weinflasche wieder. Sie waren splitterfasernackt und hatten in dem Wasserbecken gebadet, trockneten sich gerade in der Sonne. Gut, es waren zwei junge Kerls und die Hintern waren durchaus wohlgeformt, die sie so völlig bedenkenlos in die Welt hielten – aber – will ich das wirklich sehen? Nicht unbedingt… Zügig machten wir uns weiter auf den Weg nach Villamayor de Monjardin, ein fetter Anstieg. An diesem Tag überholten wir uns gegenseitig auch immer wieder mit einem belgischen Pärchen. Wir liefen schneller, sie machten weniger Pausen als wir. Sie blieben in Monjardin bei den Holländern, ihre Augen leuchteten.

Wir betraten in Monjardin die stockdunkle Kirche. Allmählich gewöhnten sich die Augen an die Dunkelheit und wir genossen die Kühle und die Stille der Kirche, kein Laut drang nach drinnen. Wissend um die großartige Akustik dieses Baus begann ich den Hymnus wieder zu singen: „El señor en nos hace maravillas! Gloria al señor!“ Meine Stimme war für mich kaum wiederzuerkennen, so kraftvoll dehnte sich die kurze Melodie in der Kirche aus und umfing uns dann von allen Seiten. Ja, tief empfunden – Ehre dem Herrn! Beim zweiten Mal sang Santiago auch mit…

Wir wollten weiter nach Los Arcos, das waren noch 12 Kilometer. Wir hatten zwar schon 27 hinter uns, aber wir wollten auch so gern in Logroño übernachten, und dafür war Los Arcos einfach die perfekte Ausgangsstation, von Villamayor wären es über 40. Nach dem Kirchenbesuch suchten wir uns einen Ruheplatz und fanden in ganz monjardin(meinGarten)-mäßig unter einem breiten Walnussbaum. Auf der anderen Seite des Weges war ein Baum mit wunderbar reifen Reneclauden, die wir nur aufsammeln mussten – frisch, saftig, süß, herrlich. Ja, kleine und große Wunder – immer wieder. Wir schliefen ein für eine gesegnete Siesta. Als wir aufstanden, kam uns ein Pilger entgegen, der den Brunnen suchte. Er gab uns sofort die Hand, stellte sich als Giorgio vor. Giorgio erzählte von sich, er sei Leistungssportler und würde jeden Tag 40 km laufen. Er sei auch am 1. Tag von St. Jean Pied de Port bis Larasoaña durchgelaufen.  Meine Güte, das waren damals für uns zwei Etappen… Giorgio wollte auch noch bis Los Arcos laufen, stieg nun aber erstmal hinauf nach Monjardin „Stadtmitte“.

Wir schulterten die Rucksäcke und nun ging es für uns in den „großen Bogen“ nach Los Arcos. Es war weiterhin heiß und glücklicherweise gab es unterwegs noch einen Brunnen. Das Wasser in meiner Flasche war schon wieder warm. Wieder machten wir unsere Haare und Klamotten nass – anders war es eben nicht zu ertragen. Die Strecke nach Los Arcos ist nach der Straße schier unendlich, wir mussten richtig beißen. Immer wieder denkt man, ja, jetzt ist es bald so weit, aber nach dem nächsten Hügel ist immer noch kein Ende in Sicht. Wir kannten ja „die Biege“ am Wald entlang, wo der große Bogen endlich vorbei ist. Nein, die Hügelkette zur Linken war unerbittlich, der Durchlass lies sich nicht blicken. Die Kilometer gingen in die Knochen – mal wieder Penitencia pur, ein echter Bußgang. Auch die Uhr tickte unerbittlich weiter, es war schon sieben Uhr, als die Biege kam. Und dann – ist man immer noch nicht da, noch kein Haus, kein Kirchturm von Los Arcos zu sehen. Heute bekam ich mal wieder Bedenken mit dem Schlafplatz. Erst um halb acht kamen wir zu den ersten Häusern von Los Arcos, unterwegs hörte ich in mir: „In der Kirche wirst Du Deinen Schlafplatz finden.“ Wir liefen an der großen Kirche St. Maria vorbei, ein Riesenauflauf davor. Wir gingen weiter zur Gemeindeherberge. Dort – trafen wir wieder auf die Hospitaleros aus Belgien, die schon damals diese Herberge geführt hatten und die wir nochmals in Hospital d’Orbigo und Astorga getroffen hatten. Ich sage es dem Hospitalero, doch er geht nicht darauf ein. Diesmal haben wir Pech – Completo, schon seit fast einer Stunde. Der Hospitalero meinte, im heiligen Jahr ist es nun mal anders, und schickte uns zu einer privaten Herberge in der nächsten Straße. Aber 9 Euro, nein, viel zuviel. Die stehende Hitze des frühen Abends begann sich in einen heftigen Wind zu wandeln, der Himmel bewölkte sich. Heute nacht draußen schlafen? Herr, hilf! Wir brauchen mal wieder eines Deiner „Maravillas“. Ich schaute auf meinen Herbergszettel und sah, dass die Pilgermesse um 20 Uhr beginnt. Wir liefen zur Kirche und fühlten uns sofort wie zuhause. Rechts an der Tür finden wir den Sello und so gibt es erstmal einen Stempel für unseren Credencial.

Dieses prächtige, reichgeschmückte Gotteshaus war gut gefüllt und es wurde zu Beginn eine Novene gebetet, stimmt, es geht auf Assunción – Maria Himmelfahrt am 15. August zu. Ganz anders als sonst gibt es hier keinen Vorbeter, sondern das läuft über CD. Was neues gibt es überall. Wir sehen wieder den Mann aus der Herberge in Pamplona, der immer so gut über alles Bescheid wusste. Er scheint den Priester zu kennen, läuft zum Altar und zur Sakristei. Als der Gottesdienst begann, ist er mit dabei. Der örtliche Pfarrer stellt ihn vor als italienischen Ordensmann von den Kapuzinern, der an diesem Tag kozelebrieren würde. Der Gute hat bei uns sofort seinen Namen weg, ab heute heißt er bei uns Capuccino. Die Messe ist schön und feierlich, es wird viel gesungen, die Menschen sind voll dabei. Vor drei Jahren waren sie mir alle so steif vorgekommen, jetzt ist das nicht mehr so. Sie haben auch einen neuen Pfarrer, der bei dem auf die Messe folgenden Pilgersegen sehr sympathisch „rüberkommt“! Schön, freut mich für alle!

Die Lesung aus dem Evangelium ist heute: Die zehn Jungfrauen, Mt 25,11-12: Sie standen draußen und riefen: ‚Herr, mach uns die Tür auf!‘ 12 Aber er erwiderte: ‚Was wollt ihr denn? Ich kenne euch nicht!‘ Da haben wir unsere Belehrung: Wir sollen abends pünktlicher sein, umsichtiger sein, uns besser kümmern! Ist mir recht, 39 km sind auch zuviel – obwohl, Logroño…

Doch es geschieht noch Gnade vor Recht. Wir fragten den Pfarrer nach einem Raum der Gemeinde, wo man schlafen könnte. Er verwies uns an ein paar Frauen, die uns zu einer weiteren Frau brachte, die sich unser Anliegen anhörte. Offensichtlich war sie von der Stadtverwaltung. Sie fragte uns, warum wir nicht in eine private Herberge gingen. Santiago schilderte ihr unsere finanziellen Begrenzungen. Mit den Worten „Ich kann hier nicht Räume öffnen, solange unsere Gewerbetreibenden, unsere privaten Herbergen noch Platz haben!“ drückte sie uns 5 Euro in die Hand. Ich war völlig perplex. Betteln hatten wir ja nicht wollen. Santiago nahm die 5 Euro. Mir war das sehr peinlich und ich nahm mir vor, tatsächlich – wie die Jungfrauen – sorgsamer zu sein.  und so gingen wir in die Casa Austria, wo wir sogar ein eigenes Zimmer bekamen. Dort trafen wir auch Giorgio wieder, der schon geduscht war und sich ob unserer späten Ankunft wunderte.

Bei der Ankunft merkte Santiago, dass er seine Bauchtasche mit Pass und Geld in der Kirche vergessen hatte. Er flitzte wieder los zur Kirche, fand die Frauen wieder, die uns schon vorher geholfen hatten. Zuerst beruhigten sie ihn, dann fanden sie den Küster, der Santa Maria nochmals aufschloss, damit er seine Tasche holen konnte. Begeistert über so viel Hilfe kam er zurück. Maravillas! Schnell mussten wir alles Notwendige erledigen, denn schon bald sollte „Silencio“ und „Licht aus!“ beginnen.

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