Aragonesischer Weg – Zwischenspiel

Albergue St. Cilia de Jaca

Nur einen kurzen Besuch statteten wir dem Aragonesischen Weg mit der Etappe von St. Cilia de Jaca nach Artieda ab – gewissermaßen ein Zwischenspiel. Er hatte allerdings eine wichtige Nachricht für uns…

Wir brachen morgens relativ hungrg in St. Cilia de Jaca auf, nichts war offen, es war zudem Sonntag…. Zügig wie immer liefen wir voran, es ging eben voran immer in der Nähe der Landstraße, mal links davon mal rechts. Die erste Station sollte heute Puente la Reina de Jaca sein. Auch der Fluss Aragón war mal näher und mal weiter von uns weg. Einmal durchquerten wir ein kleines Waldstück, in dem viele Steinmännchen aufgerichtet waren.

Steinmännchen auf dem Camino Aragonés

Rio Aragón in der Morgensonne

Wir erreichten nach 6 1/2 km Puente la Reina de Jaca und hofften auf Frühstück. Wir überquerten die Brücke über den Aragón, wunderbar sauberes Wasser. Vorn am Ortseingang befindet sich ein Café und es ist auch schon einiges los. Wir fragten nach einer Panaderia. Sie ist einiges die Straße hinunter, so informierte uns ein Mann mit Hund. Wir fanden sie, doch die Entscheidung war schwierig. Wir hatten keine Vorräte mehr, aber alles war total teuer, so eine echt gestylte Landapotheke. Brot, das war einfach, aber was dazu? Nur trocken Brot, das ist ja nichts, aber alle „Beilagen“ kosten ab 3 Euro aufwärts. Nach eine Weile entdeckte ich Empanadas, davon nahm ich mir lieber zwei mit Schinken und Speck mit, dafür keine Beilagen. Auf der Bank gegenüber wurde gleich die erste vernichtet, am Brunnen das Wasser aufgefüllt. Auch an der Tankstelle schauten wir uns nochmals um, aber ein ähnliches Preisniveau für relativ sinnlose Sachen. Ein Rolle Marias durfte noch mit, das war alles, was wir an Ausbeute aus Puente la Reina mitnahmen. Das konnte hier ja heiter werden: In Jaca hatte es einen Mercadona-Supermarkt gegeben, wie wir auf Plastiktüten anderer hatten erkennen können. Bis Artieda würde es gar nichts geben…und bis Artieda waren es noch 22 km. Den Abstecher bergauf nach Arres wollten wir nach dem gestrigen Tag uns nicht antun, es gab eh nur eine Herberge.

Wir waren beide schwer genervt. Erst gestern die teure Herberge in St. Cilia mit dem ebenso teuren Essen, dann hier auch nichts Sinnvolles zum Einkaufen, eigentlich nichts bisher seit der Bäckerei von Loarre. Und das war schon vorgestern gewesen. Und voraus vor Sangüesa, das waren über 50 km hin, keine öffentliche Herberge und kein Supermarkt.

Die Genervtheit hielt auf dem Camino an. Ich war noch von der gestrigen Mega-Etappe geschafft und jetzt lag auch noch so viel vor uns. Ich fühlte mich total unter Druck, was so auch aus meinem Alltag schon kein unbekanntes Gefühl für mich war. Diese Kilometer, die wir im Kopf hatten, diese Mindesttagesdistanzen und klar, durch unseren komplexen Plan hatten wir nochmals Druck aufgebaut. Wir hatten uns zwar innerlich schon davon verabschiedet, diesmal alles zu laufen, es war einfach zu heiß. Wir würden kürzere Etappen mit viel bergauf nicht mehr mit XXL-Etappen ausgleichen können, die wir damals gelaufen waren, 40 oder 50 km am Tag. Wir hatten gemerkt, dass wir zwar gut drauf waren, aber das war diesmal nicht drin, das war schon zu spüren. Meine Füße waren reichlich angegriffen. Jeden Abend behandelte ich sie und betete ständig um Heilung.

Als Santiago mich dann fragte, was denn sei, da platzte es total aus mir heraus. Immer dieser Druck, Druck, Druck, stellte ihm mein Dilemma da. Klar, dass ich ihn mir vor allem auch selbst machte. Aber auch für mich immer die Frage, weil ich mich da noch nicht so gut auskannte. Wie war es denn mit Gott? War es ihm genug, was ich machte? War er zufrieden? Wenn ich nun immer bete: Dein Wille geschehe! Geschah er denn auch in meinem Leben, durch mich? Woher wüsste ich denn, wann es mal genug war, wieviel er denn verlangen würde? Ich hatte hierauf bisher klare Antwort gehalten, konnte noch nicht die Geister scheiden: War die freundliche Stimme Seine Stimme, die zufrieden war, oder war Seine Stimme die, die immer mehr von mir wollte. Seit ich Gott in mein Leben so stark mit einbezogen hatte, war ich nicht allein die, die nicht wusste, wann genug war. Jemand hatte mal über mich geschrieben: …“die sich ständig selbst überforderte und sich im tiefsten Innern nicht mehr als wertvoll erleben konnte.“ Und nun war ich dabei, einen Teil davon auf Gott zu projizieren, ohne aber wirklich klar zu wissen, war Er wirklich von mir erwartete. Und echt blöd, man verfällt so gern in alte Gewohnheiten, vor allem, wenn man jemandem gefallen möchte. Und ich wollte Gott gefallen. Und sicher bin ich nicht die Einzige, der diese Ungewissheit Probleme bereitet. Ja, zudem hatte ich mich auf dem Camino Catalán sehr gefordert und vor allem in den letzten zwei Tagen in den Pyrenäen, damit Santiago hier sein großes Erlebnis, seine gute Zeit hat.

Kurz darauf kamen wir an einem Rastplatz mit Wandermöblierung, bestehend aus Tischen mit Bänken und einem schattenspendendem Dach mit Brunnen. Wie gut, das war hier eine ziemliche Durststrecke, es war auch schon wieder heiß, ging gegen 30 °. Plötzlich sahen wir in der Distanz so etwas wie vier Reiter herankommen, so wie die Musketiere. Als sie näher kamen, sahen wir, dass sie Radfahrer waren. Wir saßen ein paar Meter abseits vom Weg, doch dir Radler hielten direkt auf uns zu. Der erste bremste direkt vor unserem Tisch und lächelte uns an, die anderen bremsten kurz hinter ihm. Santiago begann das Gespräch ungewöhnlich mit: „No hay pan – hier gibt’s kein Brot!“ „Pero fruta – aber Obst!“ antwortete der Radfahrer und wies auf einen grünen, unreifen Apfel, der auf einer Ecke des Tisches lag. Wir lachten alle und so entspann sich eine vergnügte Unterhaltung:

Wir berichteten von unserem tollen Camino Catalán und die Radfahrer erzählten, sie wären jetzt auf dem Camino Aragonés unterwegs – aber wie die Könige. Sie würden in Hotels und Hostals absteigen. Sie hätten nicht ihren gesamten Hausrat auf dem Rücken, sondern nur ihre Kleidung. Im Hotel gäbe es frisch bezogene Betten. Und sie würden schön Essen gehen, so richtig die Zeit genießen und es sich gut gehen lassen. Wow, das klang nett. Sie sahen auch alle sehr gut gelaunt aus! So ganz das Gegenteil von dem, was so vor 500 m aus mir hervorgebrochen war. Zum Abschluss fragte Santiago, wie er es oft tat, die Radfahrer nach ihrem Namen. Der erste sagte:

Jesús

Der zweite sagte:

Salvador (der Retter)

Die dritte sagte:

María Cruz (Maria vom Kreuz)

Die vierte sagte:

Consuelo (Trost)

Wir alle johlten, das war ja eine illustre Gesellschaft, die hier unterwegs war und uns eine wichtige Nachricht in einem kritischen Moment hinterlassen hatte. Wir hatten aber auch noch einen in Petto. Sie fragten uns auch nach unserem Namen. Als Santiago seinen Namen sagte, fielen die vier fast vom Fahrrad und johlten noch lauter!

Santiago !!!

Sie freuten sich total: Jawohl, SIE waren gerade angekommen! Santiago bot ihnen an, dass sie ihn umarmen könnten. Ich hatte auch noch etwas – zwar nicht so aufregendes zu bieten. Den Namen eines Engels: Gabriele. Die vier tankten noch Wasser, dann machten sie sich noch besser gelaunt auf den Weg.

Ja, was hatte mir der liebe Gott da sagen wollen? Er hatte alles in breiter Front und mit strahlendem Gesicht aufgefahren, von Jesus, dem Salvador, zu Maria und dem Trost. Ich darf es mir auch leichter machen und mit dem Druck nachlassen – würde ich nun sagen.

800 km a Santiago

Gegen halb 12 erreichen wir den Kilometerpfeiler 800, noch 800 km bis Santiago! Es war wieder heiss hier, im weiteren Verlauf des Caminos liefen in einer Senke. Der Weg ist hauptsächlich Piste, wieder viele Steine. Es ging viel kleinteilig bergauf und bergab. Wollte man in einen Ort, dann musste man auf die Berge klettern, worauf wir verzichteten.

Weder nach Martes noch nach Mianos...

Einmal rasteten wir an einem Bach. Ich setzte mich unter einen schattigen Busch, Santiago setzte sich in den Bach. Andere Pilger erzählten uns später, sie hätten sich an dieser Stelle unter die Brücke gesetzt, um etwas Schatten zu bekommen.

Santiagos Pause

Zwischendurch gab es einen kleinen Wegabschnitt durch Bäume, recht grün, auf einem weichen Weg, aber nur kurz. Am Nachmittag gönnten wir uns eine Siesta auf einer Wiese unter ein paar Bäumen. Wir schliefen beide ein und als wir aufwachten, da lagen wir beide schon wieder in der prallen Sonne.

Aufstieg nach Artieda auf der Landstraße

Gegen fünf kamen wir in Artieda an und fanden ganz oben auf dem Berg die Pilgerherberge. Wir gingen rein und wieder raus. Nee, also wir und unser Budget sind nicht kompatibel mit dem Camino Aragonés hier! Das sollte schon wieder 9 Euro kosten. Heute hatten wir mehr Kraft und machten uns wieder auf die Socken. Das würde wieder eine Nacht unter dem Sternenhimmel! Wir fanden in der nähe einen schönen, geschützten Unterstand. Wir ließen unsere Rucksäcke dort und wieder nach Artieda zurück, dort sollte nämlich ein Fest stattfinden.

Wir entschieden uns, die Liste der nächsten Orte auf dem Camino Aragonés vor Augen: Hier bleiben wir nicht! Keine Ahnung, wann wir wieder irgendwo günstig übernachten könnten, keine Ahnung, wann hier der nächste Supermarkt kommt. Am nächsten Morgen würden wir nach Pamplona trampen und von dort aus auf den Camino Francés. Mit den Preisen dort würden wir besser klarkommen. Und: wir freuten uns richtig dolle auf Pamplona, in die Stadt hatten wir uns schon beim 1. Mal verliebt, all die Musik, die kleinen Gassen, all das Leben dort! Wir setzten die Nachricht um, und machten es uns leichter. Nach einem Camino duro sollte es jetzt etwas mehr ein Camino Suave werden…

Alle Pilger, die in St. Cilia gewesen waren, trafen auch im Laufe des Abends in Artieda ein. Auf dem Fest lernten wir sie alle etwas besser kennen, was sehr schön war. Viele gaben uns recht und einige überlegten sich, ob sie das auch machen sollten. Wir hörten viele Pilgergeschichten, z.B. von einer Irin, die sich ganz spontan für die Reise entschieden hatte, die einfach losgelaufen war und die am 15. August irgendwo ankommen würde und von dort aus ihre Rückreise antreten würde. Von dem italienischen Pärchen, das von Lourdes aus gekommen war, da, wo wir auch das letzte Mal losgelaufen waren und die auch nach Santiago wollten. Die drei jungen Barceloneten. Die Russin mit Freundin und Sohn. Eine Frau mit südamerikanischer Herkunft, für mich ganz schwer zu verstehen, die irgendwo in Spanien in der Pflege arbeitete, und die die letzte Nacht sehr günstig in Arres übernachtet hatte und einfach so weit lief, wie sie kam.

Schokolade in Artieda

Sie machte uns darauf aufmerksam, dass es hier bald Schokolade gäbe! Gab es auch. Also das ist ein einigermaßen flüssiger Schokoladenpudding mit länglichen Keksen, mit denen man die Schokolade aus dem Glas lutscht. Lecker war das, für mich doppelt, für Santiago dreifach.Der nächste Programmpunkt war eine Schaummaschine für die Kinder. Ich hatte mich schon gewundert, was die hier alle in Badeanzügen machten. Nach der fröhlichen Schaumschlägerei besuchten wir die Kirche, die der Hospitalero aufgeschlossen hatte.

Die Schaummaschine für die Kinder von Artieda

Das war angenehm zwischendurch, ruhig und für ein Resumée des Camino Catalán mit Oben geeignet, eine romantische kleine Pfarrkirche.

Als wir wieder auf den Platz kamen, war der Schaum weitestgehend abgeräumt, dafür gab es leckere Bocadillos mit Gegrilltem, aahhh mit Longaniza hatte ich. Longaniza ist eine abwechslungsreich  gewürzte Paprikawurst, die man sowohl frisch und gegrillt wie auch getrocknet essen kann. Gegrillt schmeckt sie wie eine sehr feste, würzige Bratwurst. Für den nächsten Tag haben wir uns gleich noch eins davon einpacken lassen, wer weiß, wann man hier wo wieder was zu essen kriegt. Nach drei mageren Tagen ein Festmahl für uns.

Fiesta en Artieda

Später tratt eine Band auf und spielte zunächst Tanzmusik später für die Kinder zum Mitmachen auch einige Lieder, z.B. eine Polonaise  und einen Ausflug  zum Spanischlernen in der Küche mit dem Lied „La Baile de la Taza“ (hier ein Video von dem Lied), bei dem alle begeistert mitmachten und Tasse, Gabel, hohe und flache Teller etc. darstellten. Wir tanzten ein wenig mit und hatten so ein schönes Abschiedsfest. Gegen Mitternacht verabschiedeten wir uns und suchten unser Plätzchen auf und schliefen geruhsam am Busen von Mutter Natur.

Morgen geht es auf die Landstrasse, nach Pamplona trampen! Chévere!

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Eine Antwort zu Aragonesischer Weg – Zwischenspiel

  1. Anonym schreibt:

    liebe gabriele,
    heute zum ersten mal ein bischen in deinem block gelesen. schön zu lesen, wie du deinen weg gegangen bist! und schön zu sehen, wie du ihn auch hier in berlin weitergehst!!
    du weißt, dass du mir eine große hilfe bist?
    „wenn ich nicht glaubte an meinen klang“. i try…
    umarmung und bis bald!

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