4.08.2010 Pueyo de Fañanás – Bolea

Die Herberge von Pueyo de Fañanás- Der Ort liegt noch im Tiefschlaf

Heute klingelte der Wecker schon um 5.30 Uhr. Wir brachen am frühen Morgen gut gefrühstückt auf. Den Schlüssel legten wir deutlich sichtbar in einen der vielen Blumentöpfe der  der Dame von gestern. Ein letzter Blick zurück auf unsere Bleibe in Pueyo de Fañanás… Lospilgern im Dunkel, das tun viele Pilger, wir vor allem, wenn wir einen langen oder heißen Weg vor uns haben.

Am Ortsausgang von Pueyo de Fañanás fanden wir erstmal nichts, weder sahen noch fanden wir die Pfeile,  und so blieben wir erstmal auf der Landstrassen, doch in  Fañanás schon kurz darauf fanden wir wieder auf den Camino zurück. Jeder frühe Aufbruch belohnte uns mit einem Sonnenaufgang…

Erhebender Moment: Sonnenaufgang hinter den Bergen

Es wurde langsam hell und bald. Auf dem Weg durch die Felder machten wir eine weitere Entdeckung zur Landwirtschaft. Am Wegesrand fanden wir einen Riesenhaufen von Plastikkanistern. Ja, wir marschierten auch manchmal auf dem Camino durch das unaufgeräumte Hinterzimmer. So viel! Als ich zuhause die fotografierten Substanzen googelte, fand ich heraus, dass es sich um Herbizide handelte. Sie waren gekennzeichnet als gesundheitsschädlich und umweltgefährlich…

Im Hinterzimmer wird man manchmal aufmerksam...

Das nächste Dörfchen Ola war schnell erreicht, das waren  4 1/2 Kilometer. Wir durchquerten nun wieder die Felder, bis wir zu einem echt steilen Abhang kamen, von dem wir Tierz und weit vor uns im Tal Huesca liegen sahen. Mal wieder – Camino voraus! – bis zum Horizont. Huesca würden wir noch vor der Mittagszeit erreichen.

Ausblick nach Huesca

Pyrenäenblick mit Burg Mont Aragón und Felsentoren – Wir kommen uns vor wie in der Filmkulisse vom „Herrn der Ringe“

In der Provinz Aragón gibt es wohl über 300 Burgen, fast jeder Ort hat seine Burg. Und so ist dieser Weg spektakulär mittelalterlich! Oder eben wie in einer Filmkulisse, ob nun Herr der Ringe oder einer uralten Legende oder einem Roman aus der Zeit der Reconquista. Mit mehr Zeit – würde man sich alle die oder einige davon, die am Weg liegen, ansehen? Oder pilgernd doch eher bei Entdeckung der „Moradas del castillo interior“, dem Durchwandern der Wohnungen in der eigenen Seelenburg, bleiben?

Sehr steilerAbstieg - Hier musten wir runter

So richtig ein Weg war das erst nicht, nur mehr ein paar gelbe Tupfer, die uns durch die Felsen leiteten. Weiter unten verlief der Weg weiter durch die Felsen, wieder etwas ganz besonderes.

Felsenlandschaft vor Tierz

Wir passierten ein auch kleines rundes Steinhäuschen, was vor langer Zeit als Wachstation in den Weinbergen diente.

Steinernens Wachhäuschen bei Tierz

Der Eingang nach Huesca ist „lobenswert“, vor allem, wenn man den Weg hinein nach Burgos kennt: Nach Tierz erreichten wir ein kleines Flüsschen, an dessen baumbestandenen Ufern ein schmaler Sandweg uns durch Büsche und hohe Gräser führte.  Heute früh kamen uns auf diesem Weg immer wieder Leute entgegen, auf Fahrrädern, beim Wandern und Joggen, es war fantastisch zu laufen, viele „Buen Camino“s oder „Buen Viaje“s begleiteten uns.

Weicher Wanderweg zwischen Tierz und Huesca

Pilger beten hier ein Ave Maria!

Am  Ende dieses Weges erreichten wir eine Piste in Richtung Huesca, der Betrieb vor allem an Fußgängern nahm zu. Letzte Oase vor der Provinzhauptstadt war die schöne Ermita de Santa Maria de Salas, die sichtlich auch schon länger von Pilgern passiert wurde. Und wir erhalten eine Pilgerbedienungsanleitung für Huesca, was wir alles uns ansehen sollten. Es ist kurz vor 10 Uhr morgens, und Huesca ist kaum mehr noch als einen Steinwurf weit. Huesca ist eine Stadt mit uralten Wurzeln, schon vor Christi Geburt war es erwähnt. In römischen Zeiten (2. – 7. Jahrhundert A.D.) hieß Huesca Osca, in der Zeit maurischer Herrschaft (8. – 11. Jahrhundert) und in der Zeit des Königreiches Aragrón bis heute dann eben Huesca. 

Die Ermita Santa Maria de Salas in der Morgensonne

Über eine wenig befahrene Strasse erreichten wir kurz darauf Huesca, das wir heute ohne jeden Halt ansteuerten, ca. 15 km rannten wir einfach durch.  Heute musste ich mir neue Socken kaufen, das geht hier gar nicht mehr! In einem Geschäft fuer Bergausrüstung finde ich das Richtige: Ultraleichtfunktionssocken von Lorpen aus spanischer Fertigung! Alles andere war mir zu dick. Und: die Fuesse blieben den ganzen Tag trocken darin, eine Dreischichtensocke mit Straffung am Oberfuß, so dass die Socken keinen Milimeter rutschten: ein Wunder der modernen Textiltechnik! Einfach zu waschen, trocknen sehr schnell, stinken nicht. Das werde ich mir merken, so was kommt mir wieder in den Rucksack! Echt genial!

Danach frühstuecken wir im Park und besuchten das Tourismus-Büro, um mehr von Huesca zu erfahren und eine Karte von Aragón zu bekommen. Doch der freundliche Mann legte mir viele Karten auf den Tisch, bis Galizien. Ich suchte mir die besten aus, die ich bereit war zu tragen und dankte! Er machte mich noch auf den freien Internet-Zugang im oberen Stockwerk aufmerksam. Dort schrieb ich die erste Fassung der Pilgerberichte bis zum gestrigen Tag. Ihr Pilger – achtet mal drauf in den grossen Städten, wenn ihr ins Internet wollt, ob nicht das Tourismus-Büro hier Euer Freund und Helfer ist!

Kathedrale von Huesca

Aufgrund der Tagesberichte bis zum gestrigen Tag dauerte das alles etwas länger, bis zur Mittagszeit, so dass wir die gute Zeit, die wir mit unserem schnellen Marsch am Morgen vorgelegt hatten, nun restlos wieder verratzt hatten.  Anschließend besuchten wir die Kathedrale“Santa Iglesia Catedral de la Transfiguración del Señor“(Heilige Kirche Kathedrale der Verklärung des Herrn), ein riesiger gotischer Bau aus dem 13. Jahrhundert. Was für ein gewaltiger Ort. Der Turm ist achteckig und daneben ist – wie immer man das bezeichnen mag, eine reich verzierter Giebel mit kleinen Türmchen. Das Portal der Kathedrale ist verschlossen. Eigentlich gab es in dem Moment nur einen Eingang über das Diözesan-Museum und gegen Gebühr, aber als Pilger durften wir auf Nachfrage kostenlos passieren und konnten uns nun unserem Gebet widmen.

Die Kathedrale ist innen nicht doll farbig ausgemalt, aber ihre schiere Höhe mit den hohen Säulen und  kunstvollen Gewölben aus beigen Steinquadern ist beeindruckend. Der Altar ist einfarbig, aus Alabaster und ganz fein detalliert. Und dann sitzt man da, als kleiner Pilger, verschwitzt, staubig, mikrig, in einem so riesigen Kirchenschiff vor einem noch gewaltigeren Gott – und betet – trotzdem – und bringt die eigenen Dinge vor ihn.

Mittelschiff der Kathedrale von Huesca mit Altar und einzelner Pilgerin

Ich brauchte einmal wieder dringend ein ausführliches Gespräch mit dem Herrn und seine Zuwendung, so viel war in den letzten Tagen passiert: So viel Weg, so viel Schönheit, so viele Begegnungen, so viel Anschauliches und Lehrsames für mein Leben, aber auch so viel Schmerz, Anstrengung, Hitze und Erschöpfung. Die Herbergen lagen meist weit auseinander, so dass kurze Etappen nur selten möglich waren, zum anderen hatten wir beide irgendwie so eine dämliche 30-km-Marke im Kopf, mit der wir mehr mich als uns fertig machten. Ich bin schon oft weiter als 30 km am Tag gelaufen, auch mehrere Tage hintereinander, aber noch nie bei einer solchen Hitze. Auch meine Beine kriegten immer noch starke Ausschläge und Pusteln, je mehr Hitze und Anstrengung der Tag brachte. Ich lief schon seit Tagen langärmelig und mit langen Hosen, um meine Haut zu schützen und wieder zu  beruhigen, das machte es auch nicht viel angenehmer. Während ich also betete und intensiv um Erleichterung, Linderung, Verarbeitungs-Kapazität, Kraft und Heilung bat, fotografierte Santiago die Kirche. Ja, der Camino Catalán hat es in sich, er hat viel, viel mehr Eindrücke, als ich überhaupt ansehen, würdigen, verarbeiten kann! Das genaue Gegenteil der Meseta. Und Huesca ist auch eine tolle Stadt, für die man sich mehr Zeit nehmen könnte…

Vor der Kirche trafen wir – einen Pilger, einen Bicigrino! Der einzige Pilger, zu dem wir auf dem Camino Catalán Kontakt hatten. Er wollte nach St. Jean und von dort aus den Camino Francés. Aber auch er will sich erst noch die Kathedrale ansehen, lässt zum einen uns aber auch voller Vertrauen sein Fahrrad samt Gepäck unangeschlossen davor stehen. So geht es auch!

Nun wurde es höchste Zeit für den 2. Teil unserer Tagesetappe und noch eine lange Strecke  – bis Bolea waren das noch 20 km. Der Weg aus Huesca heraus war wieder sehr angenehm am Fluss entlang, dann an einem Bach, der sehr VIEL Wasser führte. Kurz darauf wanderten wir an einem See oder überfluteten Gelände ? entlang. Es sind, wie es aussieht, flache Tümpel, in denen noch Bäume stehen. Es wird dafür auch feuchtheiß, was das Weiterkommen nicht viel leichter macht, doch dafür ruht das Auge gern auf dem Wasser.

In Chimillas, 5 km hinter Huesca, erholten  wir uns an der Kirche auf einer Bank im Schatten ein wenig aus, tankten Wasser nach, feuchteten die Kleidung wieder an. Nun kamen wir ganz nahe an dem gewaltigen Felsentor zu den Pyrenäen, das, wie wir heute wissen, aus dem Peña de San Miguel und dem Peña de Amán bestehen und die Gegend „Salto de Roldán“ heißt. Und hier haben wir unsere Legende: 

Bilder-googelt mal „Salto de Roldan“ – unglaublich! Salto de Roldán heißt Rolandssprung. Es geht um denselben Roland, nach dem auch die Rolandsquelle zwischen St. Jean und Roncesvalles benannt ist. Er soll mit seinem Pferd, als er einmal von Verfolgern eingekesselt war, von dem Peña de Amán zum Peña de San Miguel gesprungen sein… 

Durch die Felder nach Bolea und immer näher an die Pyrenäen heran

In einem weiten Bogen umlaufen wir eine Anhöhe, die Wege sind wieder meist Sandwege – zum Glück! Nur wenig Steine! Unser hoch erhabenes Ziel Bolea lag zwar schon in Sichtdistanz, aber noch weit, weit weg. Wir fragten uns, wieviel wir schon geschafft hätten, die Wegbeschreibung gab nicht so viel her. Irgendwann kamen wir an ein paar großen Häusern entlang, die neben einem Flüsschen eine kleine „Población“ bildeten. Niemand zu sehen. Vor Hunden wurde hier gewarnt. Ok, dann musste dies laut Wegbeschreibung nun Castillo de Castejon sein, ein altes Hospital. Dann hatten wir jetzt die Hälfte geschafft…  Wir hätten es gern kürzer gehabt, doch ja, nach 8 km hatte es noch ausgesehen… Es wurde nach und nach einsamer, viele Hügel. 

Camino nach Bolea

Recht spät steigen wir nach Bolea auf – wieder ein eindrucksvolles Bergdorf wie Berbegal, etwas größer, wie es scheint, aber ähnlich steil! Weniger „glatt“ als Berbegal. Wir laufen immer weiter immer höher nach Bolea hinein, fragten nach der Herberge und wurden immer weiter hinauf geschickt. Schließlich landeten wir in einem kleinen Tabak-Laden und fragten. Auch hier betreuten uns die anwesenden Damen perfekt. Ich durfte mich auf einen Stuhl setzen und sie telefonierten ein wenig herum, dann kamen ein paar Männer, die auch herumtelefonierten, bis gefunden wurde, wer zu finden war. In der Zwischenzeit leisteten wir uns ein Eis und eine Cola nach der langen Distanz. Zum Einkaufen gab es hier in Bolea nichts, heute war Mittwochabend, da war alles geschlossen. Ok!

Man schickte uns wieder weiter, nun hinten aus Bolea wieder hinaus, den Berg hinunter. An einem Platz am Sportplatz sollten wir warten. Ein paar Jugendliche spielten dort, Santiago sah sich das alles etwas genauer an. Ich setzte mich auf den Rinnstein, ich konnte nicht mehr stehen. Eine Frau kam und warf Papier in den Container. Dann verschwand sie wieder. Doch kurz darauf kam sie wieder und entpuppte sich tatsächlich als unsere Schlüsselüberbringerin.

Sie zeigte uns das Polideportivo, in dem wir heute nach schlafen würden. Unten war eine Küche, Toiletten und Duschen, die Treppe herauf war ein geräumiges Schlafzimmer mit vielen Doppelstockbetten. Sie gebot uns, die Türen nachts gut abzuschließen und warnte uns vor den Jugendlichen, die hier manchmal über die Stränge schlagen würden. Den Schlüssel sollen wir am nächsten Tag einfach nur in den Briefkasten schmeissen. Super, oder?

Wir suchten uns eine schöne Ecke aus, aßen noch, was wir an Vorräten hatten, nicht so sonderlich viel! Wir hatten allerdings auch keine Power mehr, um irgendwohin nach draußen zu gehen, um eine Bar oder so etwas für ein Essen zu suchen. Erschöpft legten bereiteten wir einfach nur unser Bett und legten uns hin.

Mitten in der Nacht wachte ich von Lärm auf. Ein paar Jugendliche – die Ansage hatten wir ja – waren auf dem Sportplatzgelände und versuchten, ins Gebäude zu kommen, kletterten auf die Terrasse des oberen Stockwerkes und schlugen mehrfach gegen die Fenster unseres Schlafraums. Wie schon in Cervera – die Jugendlichen sind wir abends wirklich lange draußen. Und -was bin ich in solchen Momenten immer froh und dankbar, dass ich nicht alleine bin. Mit Santiago fühlte ich mich sicher, egal, wie viele da draußen rumsprangen. Irgendwann ließen sie ab und verschwanden wieder. Ruhe kehrte wieder ein und ich konnte weiterschlafen…

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