31.07.2010 Linyola – Algerri (28 km)

Als wir morgens aufstanden, hatte sich Silas schon seinen Gebetsteppich ausgelegt und verrichtete sein Morgengebet. Wir verabschiedeten uns von ihm und brachen auf, doch schnell war ich wieder zurück, denn ich hatte meinen „Baston“  (Wanderstock) vergessen. Sieht doch von außen ganz normal aus, das Haus, oder?

Silas und das Haus der Temporarios in Linyola

 

So sehen die neuen Holzwegweiser des Camino Catalán in Katalonien aus - dieser hier kurz vor Balaguer. Blau zeigt hier die Richtung des Caminos, grün ist der Rückweg.

Am Ortseingang von Balaguer

Die erste Strecke haben wir wieder schnell zurueckgelegt, es geht über Land, wieder Felder und Obstplantagen und mehrfach über den Canal de Urgell. Wir unterhielten uns noch eine Weile über unsere Erfahrung der letzten Nacht, sie hatte in unserem Bewusstsein deutliche Spuren hinterlassen. Nach ca. 11 km erreichen wir Balguer, eine grosse Stadt. Kurz nach dem Ortseingang begrüsste uns ein aus der Heimat bekanntes Schild. Hier gab es einen Lidl, wir kehrten ein. Das Sortiment ist fast dasselbe wie in Deutschland. Ich habe in Deutschland gern bei Lidl eingekauft, war ja auch immer ganz günstig. Aber genau das ist, was die Situation von Silas und Arbeitslosigkeit in Spanien produziert: Diese Preise sind möglich durch Löhne unterhalb der lokal-nationalen Mindestlöhne. In meinem Kopf ging seither eine Schere auf. Bei Lidl würden wir innerhalb unseres Tagesbudgets bleiben, doch offensichtlich auf Kosten anderer.

Doch Bewusstsein ist manchmal langsam, Hunger ist schnell und noch hatten wir an diesem Tag nichts gegessen. Dort hatten sie  etwas, was ich schon eine Weile suchte, nämlich Gazpacho.  Das ist eine kalte Gemüsesuppe mit Gurke, Tomaten, Paprika, Olivenöl und Zwiebeln, im Restaurant kann sie etwas stückig sein. Meine Ernährung ist schon etwas einseitig momentan, ein wenig mehr Gemüse kann nicht schaden (auf der Packung steht: hergestellt aus 1,7 kg frischem Gemüse), vor allem wieder nach der Prämisse: Was ich esse, das kann ich lieber trinken. Das Wasser aus den Brunnen schmeckte hier oft nicht sonderlich, wir mussten uns sowieso etwas anderes kaufen. Heute wollte ich Mineralwasser mit Kohlensäure und probierte daher Gazeosa, frage sogar, ob es genau das ist. Beim Öffnen merkte ich aber, das ist Zitronensprudel – und kein guter, einfach klebriges Zeugs. Naja, billig ergibt oft eben billig. Wir kauften ansonsten das übliche Obst, Tomaten, Käse, Kekse (Marías – das sind einfach runde Kekse ohne alles) und Brot und eine Tüte Bonbons. Nur noch ein schöner Platz, dann würde es Frühstück geben.

Unser Frühstücksblick auf die Altstadt von Balaguer

Arcangel Miguel, ein treuer Pilgerbegleiter, sonst meistens unsichtbar...

Wir fanden ihn auf einer Bank im Park am Rio Segre. Das Gazpacho war himmlisch, kühl, fruchtig-herb, sämig. Santiago probierte auch und würde beim nächsten Mal auch Gazpacho einkaufen. Nach der Frühstückspause  überquerten wir die Brücke des Segre und fanden auf der anderen Seite „unseren Freund“, den Erzengel Miguel, den wir zu unserem Schutz sehr häufig einladen uns zu begleiten.  Jeden Abend, vor allem, wenn wir draußen schlafen, aber auch in allen sonstigen heiklen Situationen wie eben bei der Autofahrt nach Barcelona, wenn wir an stark befahrenen Straßen laufen etc.,  da „nehmen wir ihn mit“. Wie man sieht ist der Erzengel Michael der, der den Teufel besiegt hat. Und da dieser meist geistig wirkt, so ist der Erzengel Michael auch immer wieder ein Beschützer unseres Geistes vor Angst, Illusionen, verkehrten Gedankenkonstrukten, Bedenken und unnützen Sorgen, damit sich diese nicht durch selbsterfüllenden Gedanken in unserem Leben festsetzen können. Das macht er sehr gut…

Reges Treiben auf der Plaza de Mercadel, der Marktplatz von Balaguer

Die Gassen von Balaguer

Es war Samstagmorgen, die Altstadt war prall  voller Menschen, Einkaufszeit. Auf der Plaza de Mercadel ist ein riesiger Markt, ein riesiges, buntes Gewimmel von Menschen, Stimmengewirr, Marktschreier, Trubel. Ein Mann wies uns am Rande des Marktes vorbei durch die ebenfalls vollen, engen Gassen den Berg hinauf. Es ging zügig und zünftig bergauf. Wir durchquerten die Stadtmauer und gleich darauf kletterten wir neben ihr eine steile Treppe hinauf in Richtung des Turmes, den wir dort oben sahen. Was mochte das sein? Eine Burg, eine Kirche?

Wieder mal: Para subir al cielo se necesita una escalera grande...

Es war total heiß nun, als wir aus dem Schatten der Gassen traten. Wir waren froh, dass wir oben eintreten konnten: in die Kirche St. Maria. Doch es war, als ob wir nun  in eine andere Welt traten. Eine leise, leichte Musik umfing uns und durch blaue Fenster flutete in der Mittagssonne ein geradezu ueberirdisches Licht in die Kirche: Stille – Kühle – lichte Geborgenheit – Gebetsstimmung. Alle Anstrengung fiel von jetzt auf gleich von uns ab. Wir stellten die Rucksäcke ab, setzten uns hin und genossen einfach nur. Ein junger Mann saß am Altar und polierte den Weihrauchkessel. Nach einer Weile der Einkehr und der stillen Zwiesprache betrachteten wir die Kirche, in der gerade eine Ausstellung sakraler Kunst dargeboten wurde. Sehr schöne und große Bilder, teilweise modern von biblischen Szenen wurden dargeboten. 

Zum Verlieben: Die Taufe Jesu

Das alles und die Musik: Ach, man möchte bleiben und bleiben…Augenblick …verweile doch… ach, und hier ist auch nichts, an dem man zugrunde gehen könnte, aber da draußen! Wir fragten den jungen Mann nach einem Stempel für den Credencial und ob er wüßte, wo noch ein Brunnen hier oben ist. Einen Stempel hatte er nicht, einen Brunnen gäbe es nur unten in der Stadt. Ebenfalls fragen wir ihn nach der Musik, er holte die CD-Hülle und schreibt es uns auf. Was er spielte, das war eine CD von Secret Garden: Once in a red moon. Ein schönes Stück hieraus auf Youtube. Disfruta – Enjoy – einfach nur genießen…

Jesús, oh Jesús, ven con tus angeles...

Der Pilger muss irgendwann weiter. Als wir wieder nach aussen traten, ist die Hitze umwerfend. Wir schauten nochmals auf die Stadt Balaguer herunter. Was für ein Ausblick!

Grandiose Aussicht: Die Altstadt von Balaguer von oben mit der Plaza Mercadel

Das grüne in der Mitte ist der Plaza de Mercadel, doch dorthin würden wir nicht wieder zurückgehen, wir würden hier oben doch noch irgendwie Wasser finden.  

Rückblick in Richtung Linyola, da ist noch ganz viel grün...

Wir folgten den Pfeilen und – fanden dort oben einen Brunnen, füllten unsere Flaschen auf und durchnässen die Haare und Klamotten. Doch kurz nach dem Brunnen verschwanden die Pfeile, nachdem sie uns eine Treppe runtergeschickt hatten. Anhand der Wegbeschreibung und vielen Fragen fanden wir in einem großen Bogen doch schon nach einer Viertelstunde zurück auf den Camino. Also: Hinter der Kirche rechts geht es den Pfeilen folgend zum Brunnen. Dann muss man aber wieder zurück, den großen Platz überqueren und links von der Kirche am Friedhof vorbei geradeaus. Dort auch wieder nach dem Holzschild Ausschau halten.  Nun ging es in Richtung Castilló de Farfanya. Die Hitze drückte, nach wenigen Minuten waren Haare und Kleidung schon wieder trocken. Ich rief laut: „Lieber Gott, wir brauchen dringend Schatten!“ Und tatsaechlich schickte er uns kurz darauf eine einzelne Wolke,  die uns über 10  Minuten begleitete. Als sie uns verließ, rufe ich wieder: „Ach, komm zurück, geh noch nicht weg!“ Und sie kam noch ein wenig zurück, dann verschwand sie! Was fuer eine Wohltat! Was für ein Wunder an einem so glühend heißen Tag mit ansonsten wolkenlosem Himmel! Ich bin froh, dass Santiago dabei war und das auch miterlebt hat, meinen Ruf und fast unmittelbar danach die Wolke. Wer würde einem das glauben?

Hier auf dieser Hochebene ist das Klima ganz anders als noch unten in Balaguer am Fluss und auf der ganzen Strecke von Linyola rund um die Bewässerungskanäle. Klimawechsel: das Grüne hört auf, das Gelbgraue fängt an. Es ist alles vertrocknet. Hier sieht man, was wächst, wenn nicht bewässert wird: Getreide und Olivenbäume, am Wegesrand einige Steineichen und Macchia.

Hochebene nach Balaguer in Richtung Castilló de Farfanya

Endlich Ort in Sicht: Castilló de Farfanyas

Die Strecke nach Castilló de Farfanya beträgt ca. 10 km (in manchen Unterlagen steht auch 5 km, aber das kommt nicht hin). War das heiß. Irgendwann legten wir im Schatten der Steineichen eine Siesta ein, die Hitze stand wie eine Wand, gegen die man kaum noch ankam. Es war zwar nicht viel Platz im Schatten da, aber wir schliefen eine halbe Stunde wie halbtot, dann zwangen wir uns wieder auf, da war noch was zu schaffen bis zur nächsten Herberge in Algerri. Auf dem Weg zwischendurch probierte ich, auf meine Trekkingsandalen umzusteigen. Obwohl ich sie in Berlin eingetragen habe und auch auf der Jakobsweg-Strecke Straußberg – Bernau in Sommershitze ca. 30 km gestestet habe, geht das gar nicht. Schon nach wenigen Schritten merkte ich, dass mit meinen „vorgeschädigten Füßen“ diese nur noch Schmerz produzieren. Schade, aber diese Sandalen werden keine Compostela erhalten! Entweder schicke ich sie voraus oder sie fliegen sonstwie raus aus dem Rucksack und damit auch die Socken, die ich für sie mitgenommen habe. Erst kurz vor vier kommen wir Castilló de Farfanya nahe. Der Ort klingt irgendwie so nach Mantel-und-Degen-Film und schon ein Weilchen sahen wir den Turm des Castillos vor uns.

In einem weiten Bogen ging es hinein in den Ort. Auf einer Brücke über den Rio Farfanya sah ich einen kleinen Jungen. Ich wußte genau, was ich jetzt dringender als alles andere brauche und ich war mir sicher, hier kriegte ich es: eine Piscina / ein Schwimmbad. Erst war der Kleine misstrauisch, aber wo es zum Schwimmbad langgeht, das wußte er natürlich. Auch hier fragten wir wieder, ob wir mal dürfen und auch hier: Venga! Danke! Das ist das Tolle am Camino Catalán. Hier gibt es in jedem größeren Ort ein Schwimmbad.

Nach Kirche und Wolke das 3 Highlight des Tages: Das Schwimmbad von Castilló den Farfanya

Wir sprangen hinein, um unsere Zeit so intensiv wie möglich zu genießen. Wieder taten die Füße im Wasser total weh, sie fühlten sich innerwärts wie Betonblöcke an. Doch der Rest des Körpers erlebte vollendete Erfrischung und kribbelnde Lebendigkeit, wir tauchten immer wieder den Kopf unter, um diese vollkommene und willkommene Kühle zu genießen. Doch unsere Zeit war schnell rum. Wir zogen uns wieder an und schauten uns nun den Ort an. An der Plaza Mayor leistete ich mir für uns ein frisches Fruchteis, in Gedanken an Santiagos Sohn, der auch immer diese Sorte bevorzugt. Zu dem schönen Castillo (Fotos im Web hier) stiegen wir nicht auf, dafür reichte es wirklich nicht mehr, weder zeitlich noch kräftemäßig. Schwimmbad war wichtiger gewesen. 

Wir begegneten am Ortsausgang von Castilló de Farfanya einer riesigen Schafherde

Am späten Nachmittag zog sich der Weg lang hin nach Algerri, es waren immer noch 38 Grad warm, so sahen wir es auf einer Anzeigentafel in Castilló. Dann mussten das vorhin über 40 Grad gewesen sein. Meine Güte, kein Wunder! Nach ein wenig Gesuche, bei der wir dreimal beim gleichen Kindergeburtstag vorbeiliefen, fanden wir den Weg nach Algerri. Ich hatte in meinen Unterlagen drei verschiedene Kilometerangaben für diese Strecke: 8 km, 9,5 km und 12,5 km. Mal sehen: Die Holzschilder sagten 8 km. Das wär ja schön. Und nun folgten auch eine Weile immer wieder diese Holzschilder, bis es nur noch 3 km bis Algerri sein sollten. Und dann war das nächste Schild erst wieder am Ortseingang von Algerri. Dazwischen lagen aber wesentlich mehr als 3 km, das hat man als Pilger irgendwann in den Füßen. 

Nicht, das es nicht schön war, nein, der Weg war an sich klasse, nicht mehr alles sooo trocken, großer Ausblick auf ferne Orte. Rechterhand lag eine kleine Hügelkette, immer wieder ein Hügel, hinter dem Algerri NICHT auftauchte.  Und dann dachte man, man wäre da, aber es war nur die übliche Schweinefarm, die – geruchshalber – immer ein Stück vom Ort entfernt liegt. Noch wieder ein halber Kilometer durch die Pampa und dann nach ein paar Häuschen noch einer. Oh man, es ist schon kurz vor acht Uhr! Hier ging bald nichts mehr.

In Algerri angekommen fragten wir nach der Herberge. Man verwies uns an ein Haus, bei dem wir fragen konnten. Eine Frau öffnete uns und war sichtlich angespannt. Sie telefonierte. Es war schließlich Samstagabend, keiner mehr da. Sie vertröstete uns: Wir sollten uns mal neben die Kirche auf die Bank setzen, in einer Stunde käme einer, der wäre jetzt noch „en el campo“ – auf dem Felde.

Wir setzten uns gern, es war noch immer total warm, so dass „ein Zimmer an der frischen Luft“ auch das allerbeste erstmal für uns war. Am Brunnen tranken wir und wuschen unsere Wäsche, aßen zu Abend und putzten die Zähne, damit wir das schon mal getan hätten. Kurz nach neun Uhr tauchte ein Mann namens Blai auf und führte uns nur kurz um die Ecke, zeigte uns die Herberge, drückte uns dann dessen Schlüssel in die Hand mit der Bitte, ihn am nächsten Morgen in einen Briefkasten, den er uns zeigte, einzuwerfen. Er gab uns noch seine Telefonnummer, falls etwas wäre. Danke von Herzen, Blai, und entschuldige bitte unsere Störung Deines Samstagabends. Die Herberge ist ein Apartment neben der Kirche, in dem sonst Archäologen, Delegierte und Mittelalterforscher uebernachten – und eben Pilger. Denn auch Algerri hat ein Castillo und eine lange mittelalterliche Geschichte. Auch hier verzichten wir auf einen Besuch, der Tag war einfach – zuende…

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