3.08.2010 Berbegal – Pueyo de Fañanás (27 km)

Wir ließen uns heute Zeit in Berbegal und standen erst um 7 Uhr auf und genossen nochmal unseren „Luxus“. Wir machten uns richtig Frühstück in der Küche und freuten uns auch nochmals in Ruhe am weiten Ausblick, dann räumten wir alles auf. Wir schlossen die Herberge ab und machten auf den Weg zum Meridiano.

Abschied von der Herberge Berbegal

Wir brachten den Schlüssel zum El Meridiano und erhielten im Austausch den Stempel für unser Credencial. Jetzt verstanden wir das auch mit dem Meridian. Hier durch Berbegal verläuft auch der 0°Meridian, der Greenwich-Meridian.

El Meridiano Berbegal

Natürlich besuchten wir noch das Meridians-Denkmal und machen das hier anscheinend obligate Foto am Greenwich-Meridian mit einem Fuss in der östlichen und einem Fuss in der westlichen Hemissphaere. Das sieht einigermaßen bescheuert aus, muss aber doch sein, oder? Und vielleicht gehört es zur weiteren Bewusstwerdung unseres Caminos. Wir stehen immer auch durch den zweiten Fuß in der anderen Hemisphäre, nicht nur in Berbegal. Durch unser Verhalten beeinflussen wir die Lebensbedingungen der Menschen in der ganzen Welt, kollektiv addiert. Trotzdem kann jeder einzelne – vielleicht sogar von jetzt auf gleich, oder auch allmählich – sein ausbeuterisches Verhalten umstellen. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst: wenn Du nur das billigste nimmst, so bleibt für Deinen Nächsten in Übersee auch nur das Geringste… Und wir stehen immer sowohl in der materiellen Welt wie in der geistigen Welt. Bewusstsein kann viel verändern, unsere Kollektivseele kann an vielen Stellen durch wachsendes Bewusstsein und liebende Sorgsamkeit sowohl für uns selbst wie jeweils gleichzeitig unseren Nächsten auch geheilt werden.

0-Meridian in Berbegal - In der östlichen und westlichen Hemisphäre gleichzeitig

 

Infotafel am Meridian Berbegal

Auch beim Abstieg aus Berbegal war es „Nicht-zu-fassen“-schön, wir konnten uns nicht sattsehen.

Hier gehts lang heute - bis zum Horizont und weiter

Ein paar Frauen laufen mit uns ein wenig „Camino“ als tägliche Fitness und überlegen, wo sie eigentlich am besten ihrem kleinen Hund die Muschel umhängen.

Rundum schön - Vista de Berbegal

Als wir endlich am Ortsausgang von Berbegal ankommen, da fehlte uns mal wieder echt genug gelbe Farbe, einmal kehrten wir wieder zurück, um unsere Pfeile zu suchen. 

An dieser Hütte nach Berbegal nicht rechts und nicht links sondern einfach geradeaus! Auch wenn keine Schafe da sind..

Und trotz Wegbeschreibung sind waren nicht sicher, doch dann wählten wir einfach mit Mut den mittleren Weg – und nach ein, zwei Kilometern wurde unser Mut mit einem gelben Pfeil belohnt. Fern jeder Straße liefen wir durch die Felder. Es ist hier ein wenig wie in der Meseta, manchmal nur Himmel und Stroh, so weit das Auge reicht. Doch es ist lieblicher, mal ein paar baubestandene Hügel an den Seiten, mal eine Ermita und der Weg ein Sandweg, keine steinige Piste an der Landstraße. Rechterhand begleiteten uns weiter die Pyrenäen, wir laufen schräg darauf zu. Das Dörfchen Lacuadrada tauchte in der Distanz auf und wir erreichten es schnell, wir waren gut drauf und unser Schritt war zügig.

Camino a Lacuadrada - Camino bis zum Horizont, doch lieblicher als die Meseta

Lacuadrada ist ein hübsches Dorf und für den Pilger gibt es einen überdachten Rastplatz mit Brunnen in herrlicher Umgebung. Wer diesen Weg in der Mittagszeit quert, der darf sich freuen. Doch so schnell wir Lacuadrada erreichten, so schnell waren wir auch draußen. Pause würde es heute erst 6 km später in Pertusa geben. 

Camino a Pertusa

Wieder gibt es eine längere Strecke an einem Kanal entlang, wir genossen das Wasser. Doch dann verschwand der Kanal wieder, wurde wohl einige Zeit unterirdisch geführt.  Es ging ein wenig über die Straße, dann wieder durch die Natur.

Felsenhöhlen vor Pertusa

Frühstück in Pertusa

Kurz vor Pertusa wurde es etwas hügeliger, felsiger und steiniger und auf einem steinig-steilen Weg stiegen wir in den Ort auf. Pertusa ist ein kleines Bergdorf mit einer trutzigen Kirche mit hohem Turm. Wir fanden einen Brunnen und setzten uns zum Frühstück in einen Park auf eine Bank. Ein Vater kam mit seinen zwei Kindern auf den Spielplatz, später noch ein zweiter – wunderbares Leben! Uns wurde die Freiheit des Pilgerns bewusst. Ungebunden einfach immer weiter, kein Horizont begrenzte uns, denn den erreichten wir nie. Wir hatten unseren eigenen Lebensrhythmus, der stark von der Natur und ihren Wetterverhältnissen beeinflusst war. Wir berührten die Orte – mehr wie ein Windhauch – passierten, ohne viel Spuren zu hinterlassen, dann verschwanden wir wieder aus dem Leben der anderen Menschen. Was mochte der Vater den Kindern über uns erklärt haben, als sie nach uns fragten? Peregrinos – eine flüchtige Erscheinung im Leben der Anderen, eine leichtfüßige Erinnerung daran, dass da Freiheit ist, wenn man einige Zeit loslässt, was man hat, worin man verwurzelt ist. Freiheit zu erfahren und zu nehmen, was kommt, Freiheit eben, dem Wind, der Sonne zu folgen – libertad del alma – Seelenfreiheit – innerlich weit werden, innere Horizonte öffnen, sich der Natur, sich Gott, sich anderen Menschen anvertrauen. Wissen, dass der Alltag und das Maß der Bindung an ihn, an Besitz, an Habe und die aus ihr resultierende Verpflichtung selbstgewählt ist. Weniger brauchen ist besser als mehr haben – soll der heilige Augustinus gesagt haben. Stimmt! Verzicht und Beschränkung sind große geistige Kräfte, als Selbstbeherrschung eine Gabe des Heiligen Geistes, die uns befreien kann und uns aus der Fremdherrschaft lösen kann. Daher ist das Fasten in fast allen Religionen eine heilige Übung, die uns helfen kann, das Maß unserer Abhängigkeit immer wieder neu anzusehen und zu prüfen.

Mir sagen immer wieder einige Pilger: Ich konnte nur die Teilstrecke von … bis … machen, weil ich nicht mehr Urlaub hatte. Nein, das stimmt nicht, das ist selbstgewählt, lügt Euch nicht an. Sagt lieber: Ich wollte, ich wählte, nur diese Teilstrecke gehen, weil mir etwas Anderes wichtiger war. Man kann immer auch für den Camino unbezahlten Urlaub beantragen und einfach mit weniger auskommen, dafür aber sich diese Freiheit für einen ganzen Weg gönnen.  Wenn ich pilgere, dann habe ich gar keine Einnahmen, kein Gehalt, das in der Zwischenzeit auf meinem Konto eingeht – ich wähle bewusst den Weg, wähle, was ich ihm/Ihm gebe. Wenn der Eingang des vollständigen Gehaltes in jedem Monat auf meinem Konto unverzichtbar und der Grundrhythmus und Grundpfeiler meines Lebens ist, dann -habe ich mein Leben eben verkauft. Freiheit ist das nicht… Der Camino kann auch immer wieder uns die Chance geben, das Maß unserer Bindungen zu erkennen und bewusst für die Zukunft zu wählen, wieviel davon wirklich nötig ist. Und zu erkennen, was wir bisher einfach unserer Angst bzw. unseren Sicherheitsbedürfnissen zur Verfügung gestellt haben.

Es geht darum, die Freiheit für etwas anzustreben, das führt zur Einheit. Es geht nicht darum, die Freiheit von etwas anzustreben. Denn das führt zur Trennung.

Hinter Pertusa stiegen wir auf in Richtung Antillón, erreichten wieder einen Kanal. In Antillón fanden wir im geöffneten Gemeindehaus eine Toilette. Viele Kinder vergnügten sich in einem öffentlichen Computerraum gemeinsam in ihren Ferien – verständlich, dass sie drin blieben bei der Hitze. In dieser Gegend gibt es mehr Herbergen, sowohl Pertusa wie auch Antillón bieten Unterkünfte. Wir steuerten den nächsten Ort zum Bleiben an: Pueyo de Fañanás. Und wieder öffnete sich dafür nach Antillón ein weiter Horizont unseren Schritten. 

Vista de Antillón - Ausblick von Antillón

Die letzten 10 km nach Pueyo de Fañanás führten zunächst über einen Höhenweg durch einen Steineichenwald. Auch hier fehlten ein wenig die Markierungen. Der schmale Weg geradeaus ist der Camino, nur Mut, bald kommen wieder Pfeile. Wir haben eine Weile gesucht… Wir gönnten uns eine Siesta im Stroh unter Bäumen.

Pilgerperspektive während der Siesta

Es war ein friedlicher Tag! Und bis auf die letzten 5 km auf der Landstrasse eine spektakulaere Strecke! Doch die geht es wirklich stracks geradeaus auf der Carretera. Zum Glück ist die Straße nur wenig befahren, es war ein ruhiges Laufen.

5 km adelante - geradeaus!

Pueyo de Fañanás

Gegen halb fünf erreichten wir Pueyo de Fañanás. Ende der Siestazeit, der Ort erwachte wieder zum Leben. In der Bar fragen wir nach der Herberge. Eine Frau aus dem Haus gegenüber schloss uns auf, zeigte uns das Gemeinde-Gäste-Appartment oberhalb der Bar und des Kindergartens. Sie lud uns ein, aus der Küche alles zu verwenden, was wir bräuchten und wollten. Ist das nicht freigebig? Danke dafür! In Pueyo de Fañanás gab es keinen Laden, aber kurz nach unserer Ankunft hörten wir ein Hupen. Das Brotauto! Wunderbar. Ich flitzte schnell nach unten, um uns ein Brot zu kaufen. Beim Warten in der Schlange kam ich mit einem anderen Gast in Pueyo de Fañanás ins Gespräch, der allein über die Pyrenäengipfel wanderte. Wow, das musste auch toll sein. Im Lieferwagen sah ich auch Eier. Das wär auch mal wieder was: ich wollte zwei für unser Frühstück morgen früh kaufen, mal Abwechslung haben. Der Mann schenkte sie mir einfach! Das Brot kostete nur 80 Cent… Danke auch dafür! Als der Wanderer nach mir gefragt wurde, was er wollte, sagte er als erstes lächelnd: Zwei Eier!

Nach dem Duschen überprüften wird die Vorräte in der Küche. Wunderbar: Nudeln, Thunfisch, passierte Tomaten, Zwiebeln. Heute gab es endlich etwas Warmes, die Eier kochten wir gleich für Morgen im Nudelwasser mit. Mehrere Flaschen Orangensprudel standen herum, wir erlaubten uns eine zum Essen. Offensichtlich Überbleibsel eines Festes… Wir hatten auf unsere Weise auch eines!

Cena in der Herberge von Pueyo de Fañanás

Nach dem Essen bedankten wir uns auf unsere Weise. Wir räumten den Kühlschrank und die Küche auf. Wir entsorten alle angebrochenen Lebensmittel, die nicht mehr gut waren, alles Gubelige, räumten allen Müll aus der Wohnung, fegten einmal durch, wischten den Kühlschrank aus, wuschen die Einsätze aus und schrubbten die Herdplatte so gut es ging. Dreimal stieg ich zu den Müllcontainern hinunter. Mit deutscher Hausfrauengründlichkeit hinterließen wir dem Nächsten eine saubere Küche und putzten auch das Bad ein wenig. Auf einem Regal fanden wir dabei den Stempel von Pueyo de Fañanás. Prima!

Herberge in Pueyo de Fañanás

Eine schöne Zeit: Die Pyrenaeen kommen immer naeher! Es war ein Genuss hier zu pilgern. Wir haben viel Glück auf dieser Strecke! Danke!

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Eine Antwort zu 3.08.2010 Berbegal – Pueyo de Fañanás (27 km)

  1. Susanne schreibt:

    Liebe Gabriele,
    bin jetzt erst aus dem Urlaub zurück, daher kann ich deine Berichte erst jetzt lesen. Ich hoffe, es geht euch gut und du lässt auch bald wieder von dir hören. Alles Liebe und Gute! Susanne

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