02.08.2010 Campo vor Monzón – Berbegal (32 km)

Felsenbodegas am Wegesrand

Früh standen wir am Bauernhof auf und packten unsere Rucksäcke. So richtig gut hatten wir nicht geschlafen. Neben der Scheune war eine Art Teich und die Frösche haben ihre nächtlichen Serenaden recht laut aber dafür untönig zur Welt gebracht. Manuel und Jaime hatten uns gesagt, dass wir seit Tamarite schon ungefähr 10 km geschafft hätten und es nun noch einmal 10 km bis Monzon wären. Obwohl Señor Pilarin sagte, dass wir uns für Frühstück auch an seine Mutter wenden könnten,  gingen wir nicht darauf ein. Es war uns einfach zu früh, es war ja noch vor dunkel, bei jemandem zu klopfen. Der Camino war fußfreundlich und relativ flach, so liefen wir locker in der Morgenfrische nach Monzón. Jeden Morgen ist der Sonnenaufgang ein ganz besonderer Moment, in dem wir innehalten und schauen.

Sonnenaufgang über der Sierra

Schon bald sahen wir Monzón vor uns. Auch über Monzón thronte eine Burg auf den Felsen wie bei fast jeder Stadt in letzter Zeit, eine Templerburg, wie wir später erfahren sollten.

Monzón in Sicht

Im Herzen verbunden...

Bereits um halb neun waren hatten wir die ersten 10 km geschafft. Die Supermärkte waren noch nicht auf, aber dafür die Kirche St. María del Romeral, denn in der Kirche wurde renoviert. Man konnte direkt durch die Kirche hindurchgehen in die Verwaltungsräume. So konnte ich unerwartet gleich ein dringendes Bedürfnis erledigen und wir konnten unsere Credenciale stempeln lassen. Aufgrund der Renovierung konnte ich meinem Herzensfreund in dieser Kirche direkt auf Augenhöhe begegnen! Wir blieben noch zur Messe. Der Pfarrer saß schon in der ersten Reihe zum beten, alle warteten auf den Beginn, da ertönte plötzlich leiese ein Choral. Der Pfarrer nahm sein Handy aus der Tasche und telefonierte erstmal. Das hatten wir auch noch nicht erlebt. Die Messe war wenig erbaulich, sie wurde einfach „erledigt“. Ansonsten schien sie ein Treffpunkt für eine Gruppe elegant gekleideter Frauen zu sein, die anschließend gemeinsam aufbrachen.

Ein Peregrino vor St. María del Romeral in Monzón

Plaza Mayor und Ayuntamiento von Monzón

Nach der Messe frühstückten wir auf der Plaza Mayor neben dem Ayuntamiento, was uns María Carmen noch als Reste eingepackt hatte,  ich leistete mir einen frischen Kaffee dazu (ehrlich, ich funktioniere mit Kaffee einfach besser…). Sodann suchten wir uns Corréos, die Post, Wir erkundigten uns danach, wieviel es kostet, Sachen postlagernd nach Santiago zu schicken, denn wir sind doch mehr belastet, als es gut tut. Meine Trekkingsandalen habe ich schon abgeschrieben, ich werde mir mal wieder irgendwo bei einem Chino Flip-Flops leisten… Das Unterfangen wurde kompliziert und dauerte lange. Es gab eine Dienstanweisung: In Santiago würden Pakete maximal 4 Wochen gelagert. Also noch nicht verschicken, wir brauchen noch länger als 4 Wochen nach Santiago. Es ist auch nicht sooo teuer, aber dafür noch mindestens eine Woche schleppen. Also kein Päckchen packen heute!

Unsere Pfeile waren mal wieder völlig unentdeckbar, daher fragte ich einen Polizisten, der mich ins Tourismusbüro schickte, weil er den Camino in seiner Stadt nicht kannte. Das war allerding montags geschlossen. Wir versuchten uns an der Wegbeschreibung. aber keine Pfeile. Zweimal noch begegneten wir dem Poizisten… Irgendwann orientierten wir uns am Stadtplan und liefen schon mal in die richtige Richtung nach Selgua. Ich erinnerte mich an unseren Pilgerführer und betete: „Danke, lieber Gott, dass ich jetzt die Pfeile finde.“ Und ich fand in der nächsten Minute einen gelben Pfeil und bald hatten wir auch die Stadt verlassen, überquerten den Fluss und passierten einen großen Picknickplatz am Park. Hinter einem Industriegebiet wurde der Camino wieder angenehm, auf Viehwegen passierten wir Felder und Bewässerungsanlagen. Heute liefen wir unter Wolken, es war bisher nicht so heiß: auch mal angenehm!

Mittagspause in Selgua

Um die Mittagszeit erreichten wir nach 7 km Selgua, ein kleines Dorf, die Kirche lag auf einer kleinen Anhöhe. Wir pausierten auf einer Bank vor der Kirche. Und hier setzte ich meinen unterwegs gefassten Entschluss um: ich entledigte mich aller Dinge, die ich nicht brauchte oder wollte. Als erstes meine Trekkingsandalen, die Socken, ein Funktionsshirt. Ich trage ja doch nur meine langärmelige Jacke wegen der Sonne! Die zwei anderen Funktionsshirts würden reichen, dieses hier hatte schon einen Tomatenfleck, der mit unseren jetzigen Waschmöglichkeiten nicht mehr rausging, also weg damit. Ich stellte die Trekkingsandalen oben auf den Papierkorb. Wenn sie einer braucht, dann kann er sie ja mitnehmen. Mein Rucksack entspannte sich und mit der Zeit auch mein Rücken. Jetzt war es besser.

Wir verließen Selgua über die Landstraße. Hinter Selgua konnten sich die Pfeilemaler mal wieder gar nicht entscheiden und die Wegbeschreibung schaffte auch keine Klarheit. Gelbe Kreuze hielten uns von einem Weg fern, der nach der Wegbeschreibung uns korrekt schien, und dicke gelbe Pfeile zeigten auf einen sehr steinigen Weg, der irgendwann aber – doch wieder irgendwie zurück führte. Im Kreis um Selgua zu laufen, das muss ja nicht sein, oder? Der Weg war schrecklich, meine Füße tun inzwischen bei jedem Schritt weh, ich spüre irgendwie jeden Stein durch meine Sohlen. Hier sind die Steine überall, ich kann gar nicht ausweichen. Ich betete für einen weicheren Weg. Als wir dann aber in der Distanz die Flamme aus dem Industriegebiet von Monzón wieder vor uns sehen, genügt es erstmal! Wir kehrten um und waren bereit, eben die Landstraße nach Ilche zu laufen, da ging plötzlich ein weiterer bepfeilter Weg ab in Richtung Ilche, ein Sandweg. Gott sei Dank, Gebet gehört, Gebet erhört. Und der Weg blieb so, ich konnte meine Füße wieder erholen.  Inzwischen war die Sonne wieder rausgekommen und die Hitze hatte sich schnell wieder eingestellt.

Siesta zwischen Selgua und Ilche

Der Umweg hatte uns so erschöpft, dass wir uns unter ein paar Bäumen zur Siesta hinlegten. Zuerst gab es noch den Kuchen von María Carmen, den sie uns komplett eingepackt hatte, dazu schüttelten wir uns einen kalten Kaffee auf in einer kleinen Wasserflasche, die ich in der Zwischenzeit zu diesem Zweck gekauft hatte. Jetzt hatte ich also drei Flaschen. Dann legten wir uns hin, ich legte die Füße hoch – auf meinen Rucksack. Zwar hatten wir noch ca. 10 km vor uns, eigentlich kein Grund, um lange zu verweilen, aber die letzte Nacht war auch sehr kurz gewesen. Beide schliefen wir fest ein und wachten erst eine Stunde später wieder auf.

Fußschmeichler-Weg nach Berbegal

Der nun folgende Weg nach Ilche ist wirklich ein Fuss-Schmeichler. Ilche ist ein winziges Dörfchen. Trotzdem war uns die Wegführung nicht klar, daher nahm ich die eine Straße, Santiago die andere. Ein Mädchen sprach mich an, ob ich auf dem Camino unterwegs wäre. Mit ihr plaudernd kam ich mit fast dem ganzen Dorf in Kontakt, alle waren sehr nett und hilfsbereit, freuten sich, dass Pilger durch ihr Dorf zogen und zeigten mir auch den Brunnen direkt an der Kirche. „Mochate, mochate!“ rief mir der eine Mann zu. „Mach Dich nass!“ Ja, es war schon wieder heiß, doch heute beließ ich es mit den Ärmeln. Das Wasser schmeckte auch gut, so dass ich meine Flasche neu befüllen konnte. Mit dem, was da drin war, hätte ich Tee kochen können.

Ermita de Santa Àgueda Berbegal

Der Weg wurde immer schöner. Rechterhand wurden die Pyrenäen immer präsenter wir näherten uns immer weiter an, auch wenn wir noch ein paar Tage halbwegs parallel dazu laufen würden. Ein paar Kilometerchen hinter Ilche erreichten wir eine Ermita (Santiagos Lieblingswort auf diesem Camino), die Ermita de Santa Àgueda. Daneben befand sich ein beeindruckender, fast mystischer Felsen-„Pilz“. Diese Gegend hier entwickelt sich zu etwas ganz besonderem, vor allem, weil vor uns auf dem Berg auch unser Tagesziel Berbegal immer deutlicher sichtbar wird.

Der "Steinpilz" an der Ermita de Santa Àgueda

Noch einmal kreuzten wir einen Bewässerungskanal, der sich hier mit heftigem Gesprudel im Höhenniveau absenkte. Ich glaube, uns beeindruckten einfach diese schnell fließenden, oft klaren Wassermassen mitten im Hochsommer. Bestimmt werde ich mich darüber weiter informieren, denn neugierig machte mich das schon, wo in diesem heißen Land immer so viel Wasser herkam.

Vor Berbegal gilt es, einen gewaltigen Aufstieg zu bewältigen. Am Ende eines langen Tages ist das nicht das allerliebste, was der Pilger möchte, doch hier wurde unsere Kletterei mit einer wundervollen Rundum-Aussicht belohnt. Das Bergdorf Berbegal liegt auf 512 m Höhe und liegt malerisch hoch über der ganzen Gegend. Eine gewachsene Altstadt, die ein stolzes Alter von fast 1000 Jahren hat. Die Kirche Colegiata St. Maria la Blanca ist eine trutzige, romanische Kirche rund ca. 800 Jahre alt. In der Bar Meridiano fragen wir nach der Herberge. Praktisch: Wir brauchten uns bloss setzen, der Schlüssel wird von einer Mitarbeiterin zu uns gebracht. Und so sitzen wir am frühen Abend mitten auf dem Plaza España von Berbegal und betrachteten das bunte Treiben.

Es fühlt sich nicht an wie eine gewachsene bäuerliche Gemeinschaft, wie wir sie an den anderen Orten kennen gelernt haben, wo man abends miteinander auf der Straße sitzt. Nein, es scheint schick zu sein, in Berbegal zu wohnen oder dort eine Ferienwohnung zu haben, so etwa wie in der Provence oder in der Toscana. Wir hören auch viel Französisch (Frankreich ist weniger als 100 km entfernt) und die Haute Volée von Berbegal trifft sich genau hier. Man kennt sich, Besito hier und da, schicke Autos und Geländewagen werden abgestellt. Man bestellt Wein und Tapas. Ein ganz anderer Menschenschlag hier. Man bleibt unter sich, keiner spricht uns an, was sonst eigentlich fast immer passiert. Es ist schon faszinierend, was einem eine Pilgerreise für Einblicke beschert. Aber wir sind glücklich: wir sind angekommen, wir sitzen, wir haben die Schuhe ausgezogen, ich gehe sogar barfuß in dem kleinen Laden einkaufen und kriegte sogar noch ein Brot, weil ich zufällig den Bäcker auf der Straße traf. Also alles da: Brot und Schinken, Tomaten, Käse, Orangenlimonade.

Berbegal hoch über uns

Nach einer Weile und einer Fanta kommt eine Frau, die uns ein paar Straßen weiter mitnimmt zu einem Haus namens Casa rural mit. Und hier fallen wir einfach in den totalen Luxus nach der bisherigen Woche auf dem Camino Catalán. Das Haus liegt direkt am Ortsrand und damit mit unverbauter Aussicht ins Land. Es gibt einen wunderbaren Schlafsaal für Pilger mit einem Balkon, der einem die ganze Strecke zu Füßen legt, die man am Tag zuvor gelaufen ist.

So schön schläft man in der Casa Rural in Berbegal

Auch von der gut ausgestatteten Einbauküche aus haben wir dieses Panorama. Darüberhinaus gibt es dort eine Waschmaschine und einen Fernseher. Da sind wir schnell und zack – sind alle unsere Sachen wieder sauber und duften. Nach neun Tagen Camino war das wirklich eine Wohltat. Nach unserer Nacht in der Scheune aber dafür mit liebevoller familiärer Anbindung hatten wir hier heute das genaue Gegenteil – wir waren für uns und hatten alle Annehmlichkeiten der Zivilisation. Ja, gestern war es innerlich der schönste Abend, heute war es äußerlich der schönste Ort unseres Caminos. Bekommt man hier schön als Vergleich angeboten:  Was würde man für sein Leben wählen?

Ansonsten: Disfruta! Enjoy!

Vom Balkon der Herberge Berbegal

 

Vista de Berbegal

Casa Rural Berbegal

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2 Antworten zu 02.08.2010 Campo vor Monzón – Berbegal (32 km)

  1. Volkmar schreibt:

    Hallo,
    ich bin ganz begeistert von Deinem Bericht über den Camino Catalán.
    Wollte 2011 eigentlich einen Teil der Via de la Plata pilgern, bin dann aber zufällig auf Dein Blog gestoßen und ganz baff.
    Was ich mir nämlich vorstelle für meinen nächsten Camino ist Ruhe, Einsamkeit, Natur, Natürlichkeit, Wärme.
    Kannst Du mir eventuell mitteilen, ob es möglich ist auf dem Camino Catalán auch zu zelten? Habe auf dem Camino Francés super gute Erfahrungen mit meinem Mini-Zelt gemacht. Macht frei, schützt vor Schnarchern und schont zudem noch die Geldbörse.
    Nochmal – Super Reisebericht, tolle Fotos.
    Guen Camino
    Volkmar

    • imantlitzderliebe schreibt:

      Hallo Volkmar, Ruhe, Einsamkeit, Natur, Natürlichkeit und Wärme wirst Du auf dem Camino Catalán finden. Mitten im Sommer haben wir nur einmal einen Fahrradpilger getroffen. Wir hörten zwar, dass Leute vor uns und hinter uns waren, aber mit uns war keiner, auch kein Schnarcher außer denen, die wir selbst dabei hatten. Im Prinzip könnte man auf dem Camino Catalán zelten. Es gibt zumindest hinter Cervera genug einsame Stellen, wo man bleiben könnte. Wir schlafen auch ohne Zelt draußen. Allerdings sind auf dem Camino Catalán viele Herbergen auch kostenlos, z.B. in Montserrat, in Linyola, in Algerri, in Berbegal, in Pueyo de Fanianás und in Bolea. Buen Camino auf dem Catalán!

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