01.08.2010 Algerri – Campo vor Monzón (31 km)

In der Herberge von Algerri

Sonntagmorgen! Unsere zweite Woche auf dem Camino begann. 185 km haben wir in dieser Woche ungefähr geschafft. Bedenkend, dass der Tag in Montserrat dabei war, ist das eine reife Leistung. Wir stehen gemütlich in unserem Appartment auf und ich mache mit der Mikrowelle in der Küche erstmal Kaffee und überrasche Santiago damit! Was ist das schön, das erste Mal, das der mitgebrachte Kaffee zum Einsatz kommt und es mit den Keksen zusammen ein kleines Frühstück vor dem Start gab. Der erste Morgen, der mit Durchatmen anfing. Sonntag, der Tag des Herrn.  Danke dafür!

Herberge von Algerri: Die Gäste-Wohnung liegt im ersten Stock

Die Kirche St. María von Algerri

Gottesdienst gab es heute für uns nicht, hier in Algerri fand er erst um 10.30 Uhr statt, wie uns die Frau gestern sagte. So lange warteten wir nicht, die frühen, frischen Stunden wollten wir dringend nutzen, um etwas Strecke zu machen. Aber schön ist sie von außen, die Kirche von Algerri. Heute vor einer Woche waren wir in der Kathedrale von Barcelona…

Unser Weg führte uns zunächst bergab durch die Felder. Diese Morgenstunden sind IMMER ein reiner Genuss. Man ist noch frisch, die Temperaturen auch und der Körper erholt,  lauflustig und weitestgehend schmerzfrei.

Der saubere Rio Noguera kurz vor Alfarrás

Nach ein paar Kilometern durch die Felder erreichten wir einen baumumstandenen Fluss, den Noguera. Das Wasser ist ganz sauber und wir entdeckten, dass dies wohl ein Angelparadies ist. Hier gibt es sogar einen speziellen Angelplatz nur für Rollstuhlfahrer. Es ist so erstaunlich hier mit dem Wasser. Teilweise gibt es so schmutzige Flüsse und dann wieder diese frischen Wasser, bei denen man bis zum Grund schauen kann und die auch frisch riechen. Solche Strecken gehören zu den Highlights des Caminos, das wünscht sich der Pilger: Natur und ihre Schönheit im Schritt-Tempo zu genießen…Und wer wissen will, was für Fische man dort fängt, der schaut hier…

Der Rio Noguera von der Brücke kurz vor Alfarrás

Gegen neuen Uhr erreichten wir nach 6 km Alfarrás. Ein ruhiger Sonntagmorgen, es sind auffällig viele Schwarze auf den Straßen. Eine Frau fragen wir nach einer Panaderia – Bäckerei und fanden sie auch. Es gab frisches Ciabatta und zur Feier des Tages kaufte ich auch einen knusprigen Kokos-Kuchenfladen, das soll eine Spezialität aus Alfarrás sein. Im Mittelalter war diese Gegend von den Mauren bewohnt, die hier mit Alfarrás, Algerri und Balaguer ihre Vorposten hatten und auf den Bergen ihre Wehrburgen angelegt hatten. Davon zeugen auch die Namen, die mit „Al“ beginnen wie eben auch „Alhambra“. Und wenn man sich die Liste der Ortsnamen dieser Region Segría anschaut, da beginnen eigentlich alle Namen mit Al.

Unser Frühstueck war gerettet, wir blieben gleich auf der Bank an dem Platz sitzen. Immer mehr Schwarze kamen zum Platz hin, bis wir merkten, wohin sie wollten. Das Locutorio/Internetcafé öffnete, wo man auch einkaufen konnte! Nach Hause telefonieren!!!

Redondela de Alfarrás - Wir sind richtig!

Als wir den großen Kreisverkehr kurz vor dem Ortsausgang von Alfarrás passierten, hielt ein Wagen neben uns an. Der Fahrer begrüßte uns freudig, er war auch schon nach Santiago gepilgert. Er lud uns ein, ihn zu besuchen, wenn wir am Wegesrand sein Auto sähen, er würde direkt am Camino wohnen. Das war nett! Das Auto hatte ich allerdings nirgendwo gesehen. Kurz darauf passierten wir den Canal de Aragón-Cataluña, der in luftiger Höhe über uns verlief und gleichzeitig eben die Grenze zwischen den Provinzen Aragón und Cataluña markierte. Jawohl, nun hatten wir Cataluña vom Meer im Osten bis nach Westen durchquert!

Canal Aragón - Catalunya und die Provinzgrenze

Hitzenotwehr

Wieder ein lange Strecke durch die Landwirtschaft: Der Camino nach Tamarite de Litera ist 14 km lang und führte uns durch Obstplantagen und an Feldern vorbei. Teilweise sieht es sogar aus wie in der Toskana. Die Hitze kam mit dem Fortschritt der Uhr und da die ganze Gegend bewässert wird, war es eine eher feuchte Hitze, die einen ja gerne auch mal besonders fertigmacht! Santiago machte an einem Bewässerungskanal kurzen Prozess und tauchte seinen Kopf ins kühle, frische Nass. Wir fragten später einen Mann nach der Wasserqualität. Er sagte, er würde es trinken, aber es ist  eben“Agua de riego“. Wir liefen an schwerbepackten Nektarinenbäumen vorbei, die Früchte leuchteten. Tja, und der hungrige Sonntagspilger braucht neben dem täglich Brot auch mal Obst. Und selbst Gott empfiehlt ja, die erste Reihe für die Armen und die Fremdlinge zu lassen (3. Moses 23,22). Wir dankten von Herzen Gott und unbekannterweise dem Bauern und pflückten uns vier dieser Prachtstücke, einen zum gleich essen und den anderen für später. Muy, muy rico!

...und die Nektarinen leuchteten weit und breit, da stopfte....

An einer Kreuzung gab es einmal wieder keine Wegmarkierung. Wir entschieden uns für links und schon bald kam uns ein Mann entgegen und schickte uns wieder zurück. Rechts wäre besser gewesen. Als wir dann rechts entlang liefen, entdeckten wir einen umgekippten Wegweiser, den wir wieder aufstellten, damit Gott für nachfolgende Pilger keinen Wegeengel extra schicken musste, ist ja nicht immer Sonntag. 

Ermita San Roc am camino viejo zwischen Balaguer und Monzon

Wir kamen an der Sabina Milenaria vorbei, einem riesigen uralten Baum, und an einem grünlichblauen Teich, den ein kleiner Junge mit seiner Mutter unter viel Gejohle auf einem Quad umrundet. Gegen ein Uhr pausierten wir an der Ermita San Roc mitten in der Pampa, die leider geschlossen war. Als wir Tamarite de Litera erreichten, entdeckten wir als erstes das Schwimmbad am Eingang des Dorfes und auch hier durften wir wieder kurz schwimmen gehen. Prima! Auf der Terrasse des Schwimmbades saßen große Familien beim Picknick. Das gefiel mir sehr, diese gelöste Stimmung beim fröhlichen, gemeinsamen Sonntagsmahl.

Tamarite de Litera ist ein sehr aufgeräumtes Städtchen mit einer hervorragenden Markierung mit extra weißen Camino-Schildern. In der Stadt suchten wir uns eine Bank im Grünen für unsere Mittagspause. In Tamarite gibt sogar eine Pilgerherberge des Ayuntamientos. Doch als wir sie fanden, war sie leider verschlossen und wir fanden keinen Hinweis darauf, wie wir sie öffnen lassen könnten. Es war ja zudem Sonntag, da ist jedes Ayuntamiento geschlossen. Da die nächste Strecke nach Monzón noch sehr weit war, ca. 20 km, mochte ich erst nicht recht weiter. Doch da unser Tagespensum mit 20 km in Santiagos Kopf noch nicht erreicht war, schlug er vor, weiterzulaufen und draussen zu übernachten. Mir wurde klar, dass das hier nichts wurde und so suchten wir wieder unsere Pfeile.

Als wir Tamarite verließen, sah ich am Himmel eine Wolkenformation wie eine riesige Hand. Ich deutete sie als Hand Gottes, der uns in dieser Unsicherheit und herbergsfreien Zone beschützen würde. Eine Weile liefen wir am klarblauen Kanal entlang, das war wie immer angenehm.  Inzwischen lag Regen in der Luft, nach eine Weile begann es sogar zu gewittern. Das war nicht wirklich kompatibel mit draußen schlafen… Wir brauchten Schutz, genau, wir brauchten jetzt wirklich Gottes Hand über uns!

In der Strohhütte: Pause, Abwarten, Gebet

Kurz vor eine Anhöhe fanden wir Zuflucht in einer kleinen Steinhütte voller Stroh. Wir setzten uns ins Stroh und zogen die Schuhe aus. Sollten wir bleiben und hier im Stroh übernachten? Allerdings gab es viele Spinnen. Ein paar hundert Meter weg war eine Schweinefarm – jaja, das roch man auch permanent bis hier – aber hierher würde an diesem Abend wohl keiner kommen und uns aufstöbern.  Oder sollten wir warten, bis das Gewitter weiter gezogen war? Denn in unserer Richtung  war es etwas heller. Ich erzählte Santiago von der Zählmethode, die mein Vater mir beigebracht hatte, nämlich wie weit ein Gewitter vom eigenen Standpunkt noch entfernt ist. Pro Sekunde zwischen Blitz und Donner ein Kilometer. Zeitweise war das Gewitter sehr nahe dran, auch wenn der Regen nur schwach war. Doch irgendwann waren wir bei 12, da fühlten wir uns wieder sicher.

Unsere Zufluchtshütte während des Gewitters

Regenponcho im Einsatz

Wir entschlossen uns zum Weitergehen und überquerten die Anhöhe, da war es schon kurz vor sieben Uhr. Nach einer Weile begann es zu regnen, so dass wir erstmals unsere Regenponchos zum Einsatz brauchten. Nach einer Weile entdecken wir hinter dem Hellen, dass danach doch noch die nächste Regenfront kam. Hätten wir besser in der Hütte bleiben sollen? Wir suchen nach einem guten Schlafplatz, schauten uns alles an, was uns am Wegesrand einen trockenen Platz hätte bieten können, aber entweder war es nicht offen oder mit zuviel Tieren oder sonstwas. So langsam bekam ich Bedenken und begann mir mit der Hymne aus St. Cugat Mut zuzsingen und um ein Wunder zu bitten: „El Señor nos hace maravillas. Gloria al Señor!“ Santiago erzählte mir später, dass er auch mitsang, sobald er mich hörte.  

Ein kleiner Regenbogen erschien...

Ein kleiner Regenbogen erschien am Himmel. Kurz darauf, es war schon nach 20 Uhr, da sprachen wir an einem Feld zwei Frauen an, die dort in der Luzerne etwas am Suchen waren. Wie wir erfuhren, sammelten sie Weinbergschnecken – caracoles. Ob sie eine Bleibe für uns wüssten? Übernachten konnten wir bei ihnen nicht, sie schickten uns zu einem Bauern ein paar hundert Meter weiter, der hätte eine Scheune, wo wir bleiben konnten, bei Familie Pilarin. Aber – sie fragten, ob wir genug zu essen hätten. Als wir eher betreten den Kopf schüttelten – Sonntagabend ist es meistens etwas mau damit – luden uns spontan zur Cena, zum Abendessen ein. Sie stellten sich vor als María Carmen und Ana. Ist das nicht wunderbar, ist das nicht gastfreundlich und großzügig?  „El Señor nos hizo maravillas. Gloria al Señor!“

Mit dem Schlafplatz auf dem Hof klappte es, der Mann, Señor Pilarin, den wir bei seinem Trecker antrafen, war ebenso freundlich und aufgeschlossen und sogar auch schon in Berlin am Alexanderplatz, bei uns zuhause um die Ecke, gewesen. Er zeigte uns einen überdachten Platz hinter seinen Landmaschinen, wo wir schlafen konnten. Wir bedankten uns und liefen – von den Rucksäcken befreit – zum Haus der beiden Damen. Heute würden wir kennenlernen, was es bedeutet, den Abend „en el campo -in den Feldern“ zu verbringen. Über ein Treppe stiegen wir in die obere Etage des kleinen Häuschens. Drinnen erwartete uns  – eine größere Familienfeier, nicht nur  einfach eine Cena! Wir wurden der ganzen Familie vorgestellt: Wir lernten die María José, die Tochter von María Carmen kennen, und ihren baskischen Verlobten Aitor. Beide würden am nächsten Samstag heiraten! María Carmens Mann Manuel war gerade am Grill beschäftigt, von dem es verführerisch nach Fleisch duftete. Der Mann von Ana hieß Jaime und war am Organisieren. Luis hieß der liebenswerte, süße Abuelito – Großväterchen, ein ganz entzückender alter Mann.

Wir wurden an einen reich gedeckten Tisch eingeladen, es war die Großzügigkeit pur, wovon wahrscheinlich jeder träumt, der mal mit dem Rucksack ein paar Tage durch die Lande zieht. Es gab die gegrillten Caracoles mit Aioli (Knoblauchcreme), es gab reichlich Fleisch, Salsichas, Brot und Aioli. María Carmen saß neben mir und packte mir fröhlich immer den Teller wieder voll. Dazu gab es alkoholfreies Radler, wie immer das in Spanien heißen mag. Zum Nachtisch reichten die Damen zuerst saftige Wassermelone und dann einen ebenso saftigen Kuchen mit Zuckerguss und süßen Tee, wir hätten auch Kaffee kriegen können. Nach dem so kargen Essen der letzten Tage waren wir schnurstracks im Schlaraffenland gelandet! Santiago war ganz in seinem Element. Und auch ich traute mich zuzulangen. Wir erleben einen wundervollen , herzlichen Abend im Kreise der Familie von María Carmen und Ana. Fotos wurden gemacht und die Email-Adressen ausgetauscht. 

Von links nach rechts: María Carmen, María José, Santiago, el Abuelito, Jaime und Ana

DAS war der schönste Abend unsere Caminos, auch wenn wir noch viele andere schöne Abende erleben sollten, aber dies war einfach nicht zu toppen.  Wir erlebten nicht „la ultima cena“, aber „la cena maravillosa“. Beide Familien lebten in Binefar, doch am Wochenende lebten sie „en el campo“. Noch lange unterhielten wir uns und erst gegen Mitternacht verließen wir dieses gastliche Haus. Wir verabschiedeten und umarmten die ganze Familie. Wir waren uns sehr nahe gekommen. Santiago und ich waren unendlich dankbar für dieses Erleben.

Und noch einmal zur Vervollständigung: Manuel, Gabriele, Santiago, Aitor, María José, Luis, Jaime und Ana.

Den beiden Brautleuten versprachen wir, für sie und ihre Ehe zu beten. María Carmen fuhr uns schnell mit dem Auto zur Scheune. Sie drückte ich besonders und gab ihr das, was ein mittelloser Pilger geben kann: Gottes Segen. Ich nahm ihre beiden Hände und sprach für sie und ihre Familie den aaronitischen Segen: „El Señor vos bendiga y vos guarde, el Señor vos mire con agrado y vos extienda Su amor, el Señor vos muestre Su favor y vos conceda Su paz.“

Ich hatte die Wolkenhand richtig gedeutet, es war der Tag des Herrn! Es war gut, dass wir sowohl Tamarite wie auch die Strohhütte verlassen hatten, Er hatte etwas besseres für uns vorgesehen… DAS BESTE!

Con todo nuestro corazón para esta noche maravillosa y generosa, la mejor de nuestro camino en el año santo: Graciás María Carmen! Graciás Manuel! Graciás Ana! Graciás Jaime! Graciás Luis! Graciás María Jose y Aitor y Dios bendiga vuestro matrimonio!  Y bien seguro hemos rogado por vosotros en el día de vuestra boda y muchas días más y tambíen en Santiago por todos de vosotros! 

El Señor nos hizo maravillas. Gloria al Señor!
Y vosotros sois Sus herramientas amorosas!
Vosotros fuisteis nuestro milagro!
Los dos peregrinos, de Ecuador y de Alemania

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