29.07.2010 Jorba – Cervera (30 km)

Benvinguts - Willkommen! Die neue Herberge von Cervera

Nach dem Aufwachen mustere ich meine Arme und Beine, das sieht nicht viel besser aus als gestern abend. Ich entschließe mich für den Verzicht auf Sonnencreme, um das Durcheinander mit meiner Haut nicht noch zu verstärken, was bedeutet, langärmelig und mit langer Hose zu laufen, um meine Haut vor der Sonne und mechanischen Belastungen zu schützen. Denn meinen Schweiß würde ich bei den Temperaturen hier in Katalonien nicht verhindern können. Zum Abschied wird die schöne Herberge in Jorba fotografiert, das war ein hilfreicher Aufenthalt samt sehr hilfsbereiten Hospitalero, danke dafür!

Ein Kreuz für bzw. gegen die Autobahn

Und recht schnell geht es wieder zur Autobahn, der Camino schlängelt sich darum herum, knapp 8 Kilometer lang, bis wir uns für unsere erste Pause des Tages und zum Frühstücken in St. María del Camí einfinden. Es ist ein ganz kleiner Ort, „ningún servicio“ – ohne Geschäfte, dafür aber mit einem schönen, kleinen Kirchlein. Die Lust, noch länger an der Autobahn entlang zu laufen, hatte uns schon längst verlassen.

Prä-Camino-Stretching in Santa María del Cami

In der Wegbeschreibung der Amics aus Barcelona ist eine Wegalternative angegeben. Zum Anfang soll es eine große Steigung geben, danach aber durch den Wald gehen. Wir suchten die Pfeile für die Alternativstrecke und fanden sie mit Hilfe eines älteren Herrns, der unseren Weg kreuzte. Für alle, die auch hier den Alternativweg gehen wollen: Der Abzweig ist am Friedhof von Porquerisses und nicht am Friedhof von Santa María. Einmal noch überquerten wir die Autobahn und dann – waren wir sie los. Wunderbar! Eine heftige Steigung, das können wir bestätigen, aber auch, dass danach der Weg wieder traumhaft schön war. Durch den Wald, durch die Felder, an Windrädern vorbei, sí hombre, Camino!

Wirklich viel besser als Autobahn....

Irgendwie ging denen hier wohl mal wieder die Farbe aus, bzw. das ist ja der alte Weg, vielleicht ist der Pfeil einfach nur schon weg. Also: nach den Windrädern, da wo kein Pfeil ist, aber man einen braucht, nach rechts! Denn wir verpassten den Weg nach Tallada, doch der nächste Ort soll St. Freixenet sein.

St. Freixenet - de Guim -

Ok, den finden wir und kurz darauf erreichen wir St. Freixenet de Guim. Wir kauften uns Obst und Brot und pausierten am Brunnen vor der Kirche. Viele Kinder spielten um uns herum, denn es ist ja noch nicht Siesta, das war nett. Als wir aufbrachen, fanden wir die Pfeile nicht – gar nicht. Wir fragen sogar im Ajuntamiento, aber dort wußte man gar nichts über den Camino. Wie auch! Bis wir unseren Irrtum entdecken. Wir sollten durch St. Freixenet de Rabassa nicht de Guim. Am Ortsausgang fanden wir ein Hinweisschild für einen lokalen Wanderweg und dort steht auch Rabassa, wunderbar, also los in diese Richtung. Nach einer Weile kommen wir in ein Dorf, aber hier ist jetzt endgültig Siesta und nicht mal ein Hund vorm Haus. Doch, da kam eine Frau, doch sie ist nicht von hier. Ob das jetzt hier St. Freixenet de Rabassa ist, das weiss sie nicht ganz genau.

Kirche von Rabassa

Dann sah ich einen Briefkasten mit einem Brief, der da rausschaut. Ich las die Anschrift: St. Freixenet de Rabassa. Jawoll, der erste Schritt in die richtige Richtung ist getan. Jetzt müssen wir nur noch Rabassa finden – und tun es auch, zumindest finden wir unterwegs unsere Pfeile wieder. Die Wege waren durchaus angenehm, durch Felder und an Obstplantangen entlang. Das Laufen entspannend. Bald erreichten wir Rabassa, ein altes Dorf auf einem Hügel mit einer alten Kirche, die uns eine kurze Pause schenkte. Eine richtige Siesta gönnten wir uns hinter Rabassa. Wir legten uns unter Bäumen in den Schatten ins Gras, dabei legte ich Schlafsack und Inlett in die glühende Sonne, um wirklich und wahrhaftig die Bettwanzen wieder loszuwerden. Es war echt heiße Siesta-Sonne, das kostenlose und biologische Mittel der Wahl. Santiago sagte: „Wer jetzt von euch Bettwanzen keine Sonnenmilch auf den Beinchen hat, der hat jetzt einfach Pech gehabt.“ Mmmmhhh, recht hat er. Auf dem Camino Catalán waren wir von nun an die Bettwanzen los, es tauchte keine einzige mehr auf. Aber es war ja auch so heiß die Tage!

Camino hinter Rabassa und ein Pilger - doch wirklich besser, als direkt neben der Autobahn A-2

In der Distanz: Cervera!

Den Berg hinauf führten uns die Pfeile auf eine Piste, die bald an der Bahnstrecke entlang führte. Das ist wesentlich besser als die Autobahn, denn hier kam während der ganzen Zeit nur ein Zug vorbei. Die Piste wollte allerdings gar kein Ende nehmen. Aus der Entfernung sahen wir schon den Kirchturm von Cervera. 

Der Himmel zog sich zu und es sah nach Regen aus. So legten wir einen Zahn zu, d.h. Santiago legte einen Zahn mehr zu als ich und bald sah ich ihn nur noch von hinten, bald lag wohl ein halber Kilometer zwischen uns. Ich war wieder am kämpfen, am beißen, mir war schwindelig, ich hatte Kreislauf, obwohl es nicht mehr so heiß war. Eigentlich sollte nun bald ein Dorf kommen, Bergos, aber es kam nicht. Waren wir wirklich so langsam? Nach langer Zeit kam ich auf einen Ortseingang zu, und es war – Cervera. Also kein Bergos, ok! Von mir aus.

Innerlich stellte ich fest: Das war gar nicht so blöd gewesen, sich nach St. Freixent de Guim zu verlaufen, da konnte man wenigstens etwas einkaufen, sonst hätten wir auf der ganzen Strecke Jorba – Cervera keine Einkaufsmöglichkeit gehabt. Wer sich also verläuft, da, wo kein Pfeil ist und einer sein müsste, kann auch den anderen Weg gehen und über St. Freixenet de Guim für die Pause und zum Einkaufen, ein netter Ort. Gott ist groß, denn manchmal verläuft man sich auch ganz sinnvoll und geführt, damit man verdienterweise auch was zu Essen kriegt. Beim Ortsausgang dann immer an der Bahn lang, dann kommt man nach Rabassa und dann auch nach Cervera.

Ich wanderte weiter auf die Stadt zu und irgendwann schaute ich nach rechts – und sah Santiago direkt gegenüber auf einer Bank sitzen. Er hatte auf mich gewartet, damit wir gemeinsam die nächste Herberge suchen konnten, wie schön. Es ist auch manchmal gut, wenn man für sich alleine läuft, wenn es schwerfällt, dann hat man nicht auch noch den Anderen wartend im Nacken… Wir laufen immer weiter in die Stadt hinein, am Supermarkt erstanden wir schon mal unser Abendbrot, denn wenn wir angekommen sind, würden wir wohl nicht wieder extra nochmal einkaufen gehen wollen. Die Stadt war voller Menschen, auch vieler junger Menschen. Nach Cervera wurde von 1717 bis 1842 die Universität von Barcelona ausgelagert. Inzwischen hat Cervera eine eigene

Heute nacht sollte die Übernachtung in einem Convent sein, eine Spanierin im Forum der Xacobeo-Seite hatte es mir empfohlen. In Cervera kannte keiner so genau die Herberge, daher klingelten wir zunächst am falschen Convent und wurden weitergeschickt zum Concent „Sagrada familia“, zwei, drei Gassen weiter. Eine Muschel weist uns den Weg, wir klingeln. Einige ältere Damen öffnen uns und begrüßen uns freundlich und beginnen zu schwatzen. Ich bin so erschöpft, ich will eigentlich nur noch sitzen und dann liegen. Da kommt eine etwas resolutere Dame und trägt uns in das Pilgerbuch ein. Am Ende nennt sie den Preis: 10 Euro. Das haben wir in ganz Spanien und Portugal in keinem Convent erlebt. Santiago steigt sofort aus. Nein, hier bleibt er nicht. Und ich auch nicht. Wir machen es wie immer: wir finden etwas. Wir schauten uns ein wenig um. Hinter der Kirche ist ein guter, abgeschirmter Platz ohne viele Fenster und Zuschauer. Prima, das wäre geregelt. Auf der Rückseite der Kirche war das Ajuntamiento mit Bänken und einem Brunnen. Wir regelten alles Notwendige, wuschen die Wäsche, machten uns frisch, putzten die Zähne.

Da wir noch Zeit zu verbringen hatten, bis es Dunkel war, gönnten wir uns jeder eine Stunde Internet. Auf dem Weg dorthin trafen wir nochmals die Frau von Sagrada Familia, Ich sprach sie nochmals an, ob wir nicht doch günstiger dort schlafen könnten, denn unser Weg nach Santiago ist noch lang, ich zeigte ihr mein Sendungsschreiben: „Nein, das sind die Regeln, das haben wir so festgelegt, dabei bleibt es.“ Naja, wie wir dann verfahren sollen, das steht ja in Lukas 9,5.

Den netten Mann an der Kasse des Internetcafés fragte ich gleich, ob er zwischenzeitlich mein Handy auflädt: Tat er. Danke dafür! Ich wollte unbedingt die Firma Landsend erreichen. Bei meinen neuen Wanderschuhen löste sich nach 5 Tagen bereits an drei Stellen die Sohle ab, das geht gar nicht. Landsend hat ja eine gute Garantieregelung, daher wollte ich mich gleich mit ihnen in Verbindung setzen. Schnell suche ich im Internet die Telefonnummer raus und rufe an. Kein Anschluss. Selbst bei der Nummer, die aus Spanien funktionieren soll. Gut, dann schrieb ich eben eine Mail.

Da Santiago früher fertig war als ich, fand er für mich beim wartenden Schaufensterbummel das, wonach ich mich schon lange sehnte, einen Teleskop-Stock – und das zu einem Superpreis. Kein Bett für eine Nacht, dafür aber ein Stock für die ganze Reise…wer sparen muss wie wir, der setzt Prioritäten. 

Auf einer Bank an einem kleinen Platz verzehrten wir unser Abendbrot in der Nähe der großen Bar Casal mit Außenterrasse. Gläser klingen, Musik auch, viele Menschen, angeregte Gespräche … abendliches Spanien. Ja, die Abende in den Städten in Spanien sind ganz anders als bei uns. Die Kinder sind bis gegen 22 Uhr auf der Straße und spielen und rennen, keiner sagt was. Und nicht nur eines oder zwei, nein, vor uns spielte eine ganze Gruppe. Auf dem Platz war eine Art Bühne aufgebaut mit einer Treppe. Die Kinder rannten die Treppe rauf und sprangen anderen Seite wieder herunter – unermüdlich, mit viel Gejuchze und wachsender Begeisterung. Es war schon dunkel, doch sie spielten und spielten, ohne dass man irgendwie die Eltern sah… Wir zogen gegen 22 Uhr weiter, um zu unserem Schlafplatz zu kommen. Doch nun sahen wir das Dilemma. Was bei Tageslicht so schön geschützt ausgesehen hatte, war nun mit vielen Lampen fast taghell erleuchtet. Schade auch!

Wir fanden einen neuen, dunklen, geschützten Platz in der Nähe an der Festungsmauer am Monument Generalitat. Wir waren gerade dabei, unsere Matten aufzublasen und unsere Schlafsäcke aufzublasen, als eine größere Gruppe Jugendlicher sich an den Rand des Platzes stellte, ohne uns zu sehen, und lautstark diskutierte. Jetzt war also diese Altersgruppe dran. Ich verstand nicht alles, worum es ging, aber Santiago meinte, es ging neben Jungs- und Mädchengeschichten auch darum, wo man jetzt Drogen herbekäme. DA war ich jetzt nicht so scharf drauf, Teil des Geschehens zu sein. Sehr unauffällig packten wir erstmal unseren Kram zusammen, so dass wenn man uns sähe, wir nur wie ein Liebespaar aussehen, das seine Ruhe haben will.

Aber – es war wohl der Standardtreffpunkt der jungen Leute, sie blieben einfach, sie hatten die älteren Rechte! Irgendwann rannte jemand weg, um etwas „zu holen“. Nee, da wollten wir nicht dabei sien. Wir brachen auf, um uns einen neuen Platz zu suchen, in den Festungsmauern, in den Durchgängen, auf den Plätzen. Überall war es nicht günstig: nicht geschützt genug, zu dreckig, zu niedrig, so dass wir Bedenken wegen Viechzeug hatten, ich dachte noch an die Ratten von St. Cugat. 

Irgendwann kehrten wir wieder zum Monument zurück in der Hoffnung, die Jugendlichen würden irgendwann da auch weg sein. Waren sie aber nicht. Wir schlichen uns in eine Nische oben in der Festungsmauer, um dort zu warten. Es war inzwischen kurz nach Mitternacht und ich konnte wirklich nicht mehr rumlaufen. Nach dem Tag und so, wie sich meine Beine anfühlten, vom Laufen wie von meinen Hautmalessen – es war einfach genug, echt genug für heute. Ja – und dann – verschwanden die Jugendlichen doch. Wir packten also wieder Matten und Schlafsäcke aus und dieses Mal wurde etwas draus. Endlich! Ich stellte den Wecker auf 6 Uhr, damit wir rechtzeitig auch wieder weg wären und wir mit niemanden sonst noch Stress oder Erlebnisse der 3. Art bekämen. Dann – schliefen wir ein. Und wer sich jetzt fragt: War dieser ganze Aufriss 10 Euro wert? Ja. Mein Tagesbudget auf diesem Camino lag bei 10 Euro am Tag, mehr hatte ich nicht. Wenn ich 10 Euro für die Übernachtung ausgebe, gibt’s nichts zu Essen oder das Tagesbudget eines anderen Tages musste beliehen werden…und ich mache nicht gern Schulden, bei mir nicht, auf die Zukunft nicht.

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2 Antworten zu 29.07.2010 Jorba – Cervera (30 km)

  1. schwarz schreibt:

    Familie Schnorrer auf Tour! Man Ihr müßt ja riechen wie nen Iltis!!! LG s.

    • imantlitzderliebe schreibt:

      Hallo Sandra, ich lebe nach dem Armutsgebot Christi, da sind 10 Euro fuer eine Uebernachtung fuer mich unerschwinglich. Familie Schnorrer wohnt nebenan. Habe ich auch noch in keinem Convent in Spanien erlebt. Wir riechen nicht wie ein Iltis, sondern wie jeder handelsuebliche Pilger. Saludos

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