26.07.2010 San Cugat – Monistrol de Montserrat

Cami de los monjes - Mönchsweg von Barcelona nach Montserrat

Unser Zweibettzimmer im Grünen hat uns wunderbar für die Nacht gedient: keine Störungen, nachts das fantastische Sternenzelt, vollendete Ruhe, keine Angst, keine Ratten, mehr frische Luft geht nicht, Pilgerdasein im besten Sinne. Danke für Deine Fürsorge und Deinen Schutz! Wir wachten kurz nach 6 Uhr auf und packten zusammen, suchten unseren Weg wieder.

Eigentlich hatten wir gestern abkürzen wollen, dabei aber den Weg verloren. Auf einer Karte hatten wir gesehen, dass der Camino in St. Cugat parallel zum „Gran Recorrido“/ Fernwanderwege/ markiert in rot-weiß Datei:GR sign.svg und „Pequeño Recorrido“/ lokale Wanderwege/markiert in gelb-weiß PR sign.svg. Hier war der Weg auch noch unter ein Motto gestellt, Cami de monjes, Weg der Mönche, und zwar von Barcelona nach Montserrat. Irgendwie müssten die aber an allen Kirchen vorbei und in St. Cugat eine riesige Schleife drehen, auf die wir keine Lust hatten. Wir nahmen unsere Spur wieder auf und fanden unsere Flechas wieder und siehe da – die Amics de Pelegrins von Barcelona hatten Einsehen, schickten die Pilger nicht den Mönchen hinterher, sondern ließen sie die Abkürzung über die Autobahnbrücke nehmen. Danke!

 Am Ortsausgang von St. Cugat kamen wir am Firmengelände meines früheren Arbeitgebers Hewlett-Packard vorbei. Da kam mir die Idee, dass wir doch vielleicht mal dort fragen könnten, ob wir in der Kantine ein Frühstück bekommen. Ich erinnere mich nämlich daran, dass HP immer fantastische Kantinen und auch eine sehr menschenfreundliche Einstellung hat. Doch bevor ich das umsetzen konnte, war Santiago schon an allem vorbei. Wer also da nach uns vorbeiläuft: Einfach mal probieren!

Der Weg führte uns nun in einen wunderbaren, mediterranen Wald, der nach allem duftete, was dort eben so wächst: Pinien, Rosmarin, Salbei, Thymian. Unsere Lungen schwelgten darin, mussten sie aber auch, weil es mal wieder ganz gut den Berg hinauf ging. Auf einem Höhenweg genossen wir den weiten Blick  über die Serra und erhaschten unsere ersten Blick auf Montserrat in weiter Ferne. DA wollten wir heute noch ankommen! Und das ist für mich immer das Erstaunliche am Pilgern, dass man tatsächlich diese Distanzen zu Fuß überbrückt!

Was für ein schöner Camino - Höhenweg nach St. Cugat. Der Berg im Hintergrund, auf den Santiago zeigt, ist Montserrat!

 Zu Recht Daumen hoch für diesen Weg von Santiago. Wir genossen diesen frischen Morgen und schritten kräftig aus. Was ist Pilgern wundervoll! So hatten wir es uns die ganzen Monate vorgestellt und daraufhin gefiebert. Der Körper kribbelt vor Bewegungsfreude, die Seele breitet weit ihre Schwingen aus, der Geist jubelt in vollendeter Dankbarkeit, einfach DA zu sein.

An einem Brunnen kurz vor Les Fonts de Terassa machten wir unsere Frühstückspause mit unseren Resten von gestern, konnten auch unser Wasser wieder nachfüllen. In Fonts fanden wir tatsächliche viele Fonts/Fuentes/Brunnen, z.B. auch den Font Verge de Montserrat, den Brunnen der Jungfrau von Montserrat, die schwarze Jungfrau, auf die wir uns auch schon sehr freuen:

Font Verge de Montserrat - Brunnen der Jungfrau von Montserrat

In Les Fonts geht es erst einmal bergab, um nach dem Überqueren der Bahngleise gleich wieder steil bergauf zu gehen und nach dem Ortsausgang zum Glück gleich wieder ins Grüne. Wenn man durch Rundumschau sieht, wie dichtbesiedelt die Region ist, wieviel Industrie in dem Gebiet angesiedelt ist, so ist man den Amics dankbar für ihre gute Ortskenntnis und dass sie uns so einen angenehmen Weg verschaffen – gut, die Kletterei muss man abkönnen… Wir erreichten in Can Sola die Außenbezirke von Rubi und liefen durch Straßenzüge mit Einfamilienhäusern. Dankbar sind wir inzwischen für jede hohe Mauer für ihren Schatten – ob der Hitze, die uns jetzt immer deutlicher mit dem Klima dieser Gegend bekannt machte. Wir durchqueren 4 Vents / 4 Winde, einen auf dem Berg liegenden Außenbezirk von Terassa. Dort sehen wir eine Art OpenAir-Kirche, die nach den 4 Windrichtungen offen ist! Das Restaurant, das daneben liegt, sieht sehr schick und teuer aus. Im Internet fand ich später, dass man diesen Ort für standesamtliche Hochzeiten an der frischen Luft mieten kann.

Hinter 4 Vents geht es wieder auf einem sehr schönen Weg durch den Wald und bald erreichten wir Ullastrell. Das Symbol von Ullastrell war dieses Auge mit der Schleife und den Zweigen. Was es wohl bedeuten mag? Noch habe ich im Internet nichts darüber gefunden, dafür aber das Ayuntamiento angeschrieben, vielleicht erklären sie es mir… Inzwischen haben sie  mir geschrieben: Ullastrell liegt weit oben auf dem Berg und schaut herunter auf die anderen Dörfer. Auf Katalan heißt „Ull d’Estell“ Auge der Sterne. Die Olivenzweige repräsentieren eine Olivensorte, die Ullastre heißt. Und wenn der Baum noch klein ist, dann heißt er Ullastrell. Und die Sorte gibt es sehr häufig in der Gegend. 

Das Auge von Ullastrell

In Ullastrell konnten wir etwas einkaufen, ich leiste mir einen superfrischen, reifen, supersaftigen Pfirsich. So etwas gibt es in Deutschland nicht – eine echte Offenbarung im Kleinen. Und wieder fallen uns in einem kleinen Park, in dem wir im Schatten unsere Mittagspause genießen, die Bänke auf und all die Menschen, eben auch viele Alte, die dort sitzen und draußen ihr Leben verbringen – schön ist das.

Nicht nur bergauf, auch bergab!

Nach Ullastrell ging es stark bergab, das war schon teilweise ganz schön gefährlich, in einem engen Hohlweg zu laufen, der mit großen Steinbrocken angefüllt ist. Ohne Festhalten geht es gar nicht, ich vermisste einen Wanderstock. Beim letzten Camino hatte ich einen Nordic Walking Teleskopstock, der mir gute Dienste geleistet hatte. Doch da wir den Rucksack mit in die Flugzeugkabine genommen hatten, konnten wir keine Stock mitnehmen. Tja! Als wir auf dem Grund des Tales ankamen, befanden wir uns in einer Riesenüberraschung: Andere würden hierfür nach Colorado, USA, fahren. Wir befanden uns in einem Naturschauplatz besonderer Klasse, einem grandiosen Canyon. Santiago sagte: „Lauf nicht einfach weiter, genieße einfach nur!“

Disfruta! Genieße einfach nur!

DAS taten wir!

Canyon zwischen Ullastrell und Olesa

 Nach weiterem bergauf-bergab erreichten wir die Landstraße und vor uns lag ein Tal mit einem großen Flußbett. Zum Glück führte der Camino zum Fluss und so lernten wir den Llobregat kennen, einen breiten, brauen Fluss, der von den Pyrenäen zum Mittelmeer verläuft und dort westlich von Barcelona mündet. Im Schatten der übermannshohen Schilfpflanzen wanderten wir weiter bis Olesa de Montserrat. In Olesa trennten wir uns. Ich wollte unbedingt einen Kaffee trinken gehen, Santiago nicht. Ich betrat eine kleine, einfache Bar und bestellte einen Kaffee und eine schöne kalte Cola.  Mein Handy durfte ich derweil in einer Steckdose aufladen, denn mitten im Canyon hatte es gepiepst und das war es dann mit den Fotos. Einige typische Kneipengänger saßen dort und sprachen mich an. Sie freuten sich – obwohl sie Katalanen waren und Spanien eigentlich nicht mögen – über meine Spanien-Weltmeisterschafts-Basecap. Mit den separatistischen Tendenzen in Spanien sollte ich noch viele Erlebnisse haben. Als Deutsche kann ich mir das so gar nicht vorstellen. Wir haben uns so über die Wiedervereinigung gefreut und sind ja sowieso in einem gemeinsamen Europa beheimatet, dass mir das so völlig fremd ist.

Natürlich kamen wir darauf, dass ich pilgerte und schon waren sie alle total hilfsbereit und gaben mir Streckentipps. Ich sollte unbedingt nicht den Weg nach Colbató nehmen, weil es ein riesiger Umweg war. Es war schon nachmittags und über Colbató hätte ich inklusive des ordentlichen! Aufstiegs noch ca. 30 km zu laufen. Sie malten mir nette kleine Zettel mit der Strecke und empfahlen mir, nach Monistrol zu laufen. Ich entgegnete, ich würde mich nach den gelben Pfeilen richten, damit ich den Camino nicht verlöre. Nochmals legten sie mir ganz lieb und fürsorglich Monistrol ans Herz, bevor ich aufbrach. Santiago fand ich unter Palmen an einem großen Platz, wo er im Grase lag, die Füße hochgelegt auf seinen Rucksack. SIESTA! Ich legte mich dazu! Das war nett und – konnte ich nach DER Strecke gut gebrauchen…

Siesta unter Palmen in Olesa de Montserrat

Einladung der Verdunstungskühle am Brunnen von Olesa

An dem Brunnen auf dem Platz nahmen unsere alte Gewohnheit auf, in der Hitze unsere T-Shirts nass zu machen, damit sie uns in der Hitze der Siestazeit kühlen konnten. Das Hinter Olesa ging es eine Weile auf der Landstraße entlang, aber bald führte uns der Weg direkt am Llobregat entlang, die Landstraße verlief auf der anderen Seite des Tals. Ein richtig toller Weg wurde das! Auf einem betonierten Felswand  fanden wir einen für die Wirkung des Camino sehr bezeichnenden Spruch als Weg zu Gott:

Haz el camino!

IR A LA MISA, LEE LA BIBLIA

O HAZ EL CAMINO

Geh zur Messe, lies die Bibel

oder mach dich auf den Camino!

RECHT SO! Ich würde mal sagen, ersteres dauert in seiner Wirkung viel länger als das zweite – so mal aus eigener Erfahrung. Der Camino lässt uns Gott in 3-D mit vollständiger Sensorik fühlen und echte persönliche Erlebnisse sammeln. Da passieren die Wunder „in echt“, als dass man darüber nur hört oder liest. Glaubste nicht? Haz el camino!  

Und dann möchte ich nicht noch einmal lesen, dass man erst ab Montserrat pilgern braucht. Der Weg durch den Canyon des Llobregat ist so wundervoll, das ist einfach ein Gedicht für Pilger! Eindrucksvolle, rote Sandsteinformationen, Schilfwälder mit wunderbar weichen Wegen, das alles im Nahblick des mächtigen Klosterberges von Montserrat mit seinen unvergleichlichen Fels-Zähnen (manche vergleichen es auch mit Fingern – der Hand Gottes).

Roter Felscanyon des Llobregat - Wer möchte da nicht laufen?

 

Wildgrüne Begleitung des Flusses, Felsen in tollen Farben!

- und das alles immer mit Montserrat vor der Nase

Wir kamen am Aeri, der Kabinenbahn von Montserrat an, ein recht unkonventioneller, steiniger Felsaufstieg dahin und sind versucht, gleich in die Kabinenbahn zu steigen, doch nein – sie hat gerade geschlossen, es kam die letzte Kabine vom Berg mit all den Kabinenführern auch vom Berg. Hier geht vor Morgen um 9 Uhr nix mehr! Klartext von Oben: hier wird gepilgert und nicht mit der Bahn gefahren!

Auf unserem Weg zurück sahen wir ein Schild: 25 Minuten bis Monistrol. Nach ca. 45 Minuten kamen wir auch wirklich in Monistrol an, das oberhalb des Flussweges liegt. Am Ortseingang entdeckten wir sofort einen guten Schlafplatz mit schönen Bänken auf einem Kinderspielplatz, wieder wie in St. Cugat ein Zweibettzimmer im Grünen. Bevor die nächsten Kinder am Morgen kämen, wären wir längst weg. Also konnten wir uns um unser zweites Bedürfnis kümmern, um unseren Hunger. Wir fragten ein paar Kinder nach einem Supermarkt, sie schicken uns über die Brücke zur anderen Seite von Monistrol. Kein Supermarkt, es ist aber auch schon spät, ca. 20 Uhr. Ich schlug Santiago ein Bocadillo in der Bar vor, die vor unserer Nase direkt an der Brücke lag: La Fonda Xica, Balmes 2, wir machen hier gern Werbung dafür, denn: was für schöne Bocadillos bekamen wir dort! Jamón Serrano auf Tomate und Olivenöl für mich und Käse und anschließend auch noch mal Jamón für Santiago. Und währenddessen lud der unglaublich nette Wirt Santiagos Kamera und mein Handy auf, wir unterhielten uns eine Weile mit ihm, schauten Nachrichten und ein wenig Fußball und fühlten uns rundum wohl. Zum Abschied bekamen wir noch unseren Stempel im Credencial, perfecto – Pilgern ist richtig gut! Wir waren glücklich, wieder auf dem Camino zu sein!

Zurück ging es zu unserem Freilufthotel. Das Kloster Montserrat war inzwischen erleuchtet, mitten auf dem Berg sahen wir dann noch ein grünes Licht. Da sollte ja noch eine Eisenbahn hinaufführen, das war sicher ein Signal! Doch inzwischen hatte sich die Straße gefüllt, diese Erfahrung sollten wir noch häufiger machen. Auf den Bänken in der Nähe saßen zwei Spanierinnen – in ihren abendlichen Schwatz vertieft. Wir setzten uns auf die nächste Bank, um zu warten, bis wir da allein waren. Dann kamen aber noch zwei dazu und dann noch eine mit einem Hund. Ein lebhaftes Gespräch – Santiago sagte, es ging einfach nur um dies und das: Oma, Cousine, Einkaufen, entbrannte. Zwischendurch kamen immer wieder mal Leute, die ihr Glas an den nahen Glascontainern entsorgten. Andere Länder, andere Sitten: In Spanien ist der Einwurf erst nach 22 Uhr erlaubt! Nach einer Stunde – wir waren inzwischen rechtschaffen müde und wollten schlafen – schulterten wir unsere Rucksäcke und machten einen kleinen Spaziergang zum anderen Ortsende – heraus dem Blickfeld der Señoras, vielleicht fänden wir ja noch was anderes – aber nein! Als wir nach 10 Minuten wieder zurück kamen, waren alle verschwunden. Wahrscheinlich hatten SIE sehen wollen, was wir denn da machen… Wir legten uns auf unsere Bänke. Leider begannen nun, in der Nähe für die nächsten drei Stunden nachts die Bagger zu arbeiten, zwischendurch kam die Müllabfuhr und die Straßenreinigung, so dass es sehr laut war, aber irgendwann schlief auch ich ein.

Freilufthotel am Bahnhof Monistrol

Pilgerinformation zum Weg von Barcelona nach Montserrat:

Dies sind die Stationen von Barcelona nach Montserrat: St. Cugat – Fonts de Terassa – Can Sola – Rubi – Quatre Vents – Ullastrell – Olesa de Montserrat – Monistrol de Montserrat. Die Amics hatten mir noch einen anderen Weg beschrieben, und zwar über Esparreguera und Collbató. Diese Strecke ist länger, vor allem der Aufstieg von Colbató, der allerdings auch der traditionelle Aufstieg der Pilger nach Montserrat ist. 

Entfernung: ca. 60 km, Dauer: 2 Tage, keine Herbergen, viele Steigungen, landschaftlich beeindruckend 


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