15.8.2010 St. Juan de Ortega – Burgos (28 km)

Heute ist Maria Himmelfahrt!

Schon um fünf klingelt Santiagos Wecker. Er brach früh auf, denn er wollte nach Burgos heute laufen und früh ankommen. Schnell war er aus dem Bett und los, ebenso die Franzosen neben uns, auch so fünf-Uhr-Loslaufer, wie viele Franzosen. Ich wollte schauen, ob ich irgendwo einen Bus fände und meine geschundenen Füße etwas schonen. Mit Santiago wollte ich mich wieder in der parroquialen Herberge treffen, deren Adresse wir in Logroño mitbekommen hatten. Für uns keine Casa delCubo in Burgos… Der Weg nach Burgos hinein ist ab Atapuerca nicht so toll, das kannte ich schon. Leider hatte ich gestern die Hospitalera nicht mehr erwischt, so dass ich sie nicht fragen konnte. Aus den ausgehängten Informationen wurde ich nicht schlau. Da ich aber dachte, ab Atapuerca als bedeutende Ausgrabunsstätte und daher Ausflugsort gibt es bestimmt etwas, wollte ich etwas später auf gut Glück aufbrechen und meinen Weg machen. Zudem wollte ich auch nicht im Dunkeln aufbrechen, da mir der Weg nach zwischen San Juan de Ortega und Agés ganz besonders schön in Erinnerung war. Ich schlief daher eine Stunde länger und machte mich dann fertig. Es war immer noch ein wenig dunkel, als ich auf den Vorplatz trat und so lag die Kirche von St. Juan noch in einem geheimnisvollen Dämmerlicht. Ich mag diesen Ort sehr!

Morgendämmerung in San Juan de Ortega

Was sehen konnte man also schon und ohne Stirnlampe aufbrechen. Und nun begann der bezaubernde Weg nach Agés. Disfruta conmigo, genieß mit mir:

Morgens auf dem Weg nach Agés…

…kann man sich kaum sattsehen,…

…so schön ist es!

Nach einer Weile sehe ich einen Pilger am Weg sitzen. Er hat eine große Kamera in der Hand und wartet auf den Sonnenaufgang. Bestimmt hat er ein noch viel beeindruckenderes Bild gemacht als ich!

Sonnenaufgang: Rückschau in Richtung San Juan de Ortega

Die Sonne brannte wie ein Feuer hinter den Bäumen der Hochebene. Ich blieb ein paar Minuten stehen, um mir das Naturschauspiel anzusehen und genieße. Ja, konnte ich auch, heute war ich allein unterwegs. Nur knapp vier Kilometer sind es von St. Juan nach Agés, bald lag das Dorf in einer Senke vor mir:

In den letzten Momenten der Morgenröte: Agés voraus!

Ein sanfter Abstieg führte mich nach Agés hinein. In der Herberge ist gerade Auskehr, die letzten Pilger ziehen auch hier von dannen. Doch wen sah ich da: Unser italienischer Radfahrer mit der gestreiften Jacke! Immer noch in dieser Gegend! Der Typ gibt mir echt Rätsel auf? Auf wen oder was wartet er? Warum ist er im Fußgängertempo unterwegs? Was macht er auf dem Camino? Agés ist sich des Camino bewusst und hat sich herausgeputzt und optisch dem romantischen Pilgerauge viel zu bieten!

Agés Schätze

Da ich nun ganz in Ruhe vor mich hintrödeln kann, lasse ich mir auch Zeit und gönne mir ein Frühstück im Alquimista, einer urigen Bar mit wunderbarem Kaffee! Der Alquimista von Paulo Coelho war das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe. Die Hauptfigur hieß auch Santiago! Und nach Santiago sollen es von hier aus noch 518 km sein, die Liste aus dem Folleto sagt 538! Egal, heute käme ich sowieso nicht mehr an…Es ist der heilige Sonntagmorgen und es ist Maria Himmelfahrt, das muss gefeiert werden. Meine Sonntagspflicht habe ich gestern schon erfüllt, ein weiterer Gottesdienst heute wäre Luxus, den ich mir natürlich gönnen werde, käme er des Weges. Ich setze mich zu einem anderen Pilger an den Tisch, der eindeutig den schönsten Tisch sich ausgesucht hat. Und ich bitte meinen unsichtbaren Begleiter mit an meinen Tisch… Und es geht, wie immer, um woher und wohin. Er ist Franzose und will nach Santiago, ganz langsam und gemächlich. Und ich komme auch in Kontakt mit einer blonden Frau aus Deutschland. Sie ist in Le Puy aufgebrochen und schon 6 oder 7 Wochen unterwegs, sie zählt innerlich nach… 6 Wochen! Da fällt mir ein: Wir waren heute vor drei Wochen aufgebrochen! Damit haben wir jetzt ca. 615 km und einen stolzen Tagesdurchschnitt von 28 km hinter uns. Sie und ich sind jeweils stolz auf uns! Da lohnt sich das Feiern doppelt…und ich gönnte mir einen 2. Café con leche. Der Tag läuft gut an!

Malerisch: der alte Mühlstein, dahinter die Bar „El Alquimista“

Beschwingt ob des Coffeins und der landschaftlichen Schönheit schreite ich weiter gen Atapuerca, und erreichte bald die kleine Puente de Agés, deren Konstruktion man  San Juan de Ortega zuschreibt.

Puente de Agés

Mein Freund der Hinkelstein

Hinter Agés läuft man einiges auf der Landstraße, vorbei an abgemähten Weizenfeldern, aufwachenden Sonnenblumen und Hinkelsteinen, die uns schon auf Atapuerca einstimmen. In Atapuerca wurden 1994 in einigen Höhlen Knochen gefunden, die ca. 800.000 Jahre als sein sollen und schon von einem Homo, nämlich dem Homo Antecessor (Vorläufermensch), älter als die Neandertaler, abstammen sollen.  Die Kirche von Atapuerca und die ersten Häuser von Atapuerca leuchten im in der frisch aufgegangenen Sonne:

Auf dem Camino nach Atapuerca

In Atapuerca studiere ich den Busfahrplan. Es ist, wie es immer ist. Sonntags ist in Spanien wenig los. Es gab einen Bus, der fuhr gegen 13 Uhr. Nun war es kurz vor 8. 5 Stunden hier sitzen? Das Besucherbüro der Ausgrabungsstätte würde gegen 10 öffnen. Kurzes Nachdenken…schnelle Entscheidung. Naja, dann doch zu Fuß, aber diesmal würde ich hinter der Autobahn den anderen Abzweig nach Burgos nehmen, versprach ich mir. Die Strecke sollte besser sein, hatte ich in einem Pilgerforum gelesen…mal sehen! Der Rest von Atapuerca war schnell erledigt, dann ging es zur Sierra de Atapuerca. Linkerhand zog eine große, graue Schafherde den Berg hinauf. Ein Schaf hatten sie zurückgelassen, sah ich. Eins, nein zwei, ein Mutterschaf und ein frischgeborenes Lamm. Es war noch ganz feucht, sie leckte es trocken. Nach einer Weile stand es wackelig und zitternd auf, fiel wieder hin und stand auf, torkelte auf seine Mutter zu und begann zu trinken. Ein paar Pilger verweilten mit mir, um sich diesen besonderen Moment des Lebens mit anzusehen.

El Cordero – das Lamm

El Cordero – das Lamm. Was für ein Zeichen! Kurze Zeit später sah ich dieses auf dem Boden:

Auf dem Herzensweg…

Es wird immer besser: ich genieße diesen Tag in meinem eigenen Tempo. Immer weiter stieg ich die Sierra bergan. Als erstes begrüßte mich das große Kreuz. Mir gefiel, dass der gelbe Pfeil da direkt nach oben zeigt. Stimmt. Da ist das wichtigste Ziel!

Deutlich zielführend dieser Pfeil!

Nach dem Kreuz kommt die große Spirale. Damals hat mich die Spirale mehr interessiert als das Kreuz, heute war es umgekehrt. Groß ist sie geworden! Ich legte in der Mitte vier Herzsteine ab für eine Freundin, die ich gesammelt habe für sie und ihre Familie. Im letzten Jahr hatte sie eine Fehlgeburt, das Kind sollte Santiago heißen. Sie ist ebenfalls Maria sehr zugewandt, daher denke ich an sie und bete für sie und wünsche ihr unter uns drei Müttern alles Gute auf ihrem weiteren Weg. In der Ebene liegt nun – noch in der Distanz, so 20 km – Burgos uns zu Füßen. Auf denn!

Heute hatte ich eine nette Begegnung mit einem Spanier mit einem grünen T-Shirt: Wir trafen uns immer wieder, mal läuft er schneller, eine zeitlang in Begleitung eines Pärchens, dann mach ich weniger Pausen und komm wieder vorbei. Schließlich treffen wir uns wieder an einem Getränkeautomaten, der samt einem überdachten Rastplatz mitten in der Pampa nahe einem Fabrikgebäude steht. Ich genehmigte mir was Kaltes, ich weiß ja, was noch kommen würde. Als wir dort standen, kam uns ein Pilger entgegen. Wir wünschen ihm einen Buen Camino und fragen, wohin er jetzt zurückläuft. Ein paar Kilometer mehr, als wir dachten: Er will von Santiago nach Nepal! laufen. Letztes Jahr bin ich dem Langstreckenwanderer Bert Simon begegnet, der ist von Bombay nach Santiago gelaufen und hat es geschafft. Geht also! Na, dann wirklich: Chapeau! und BUEN CAMINO! Ich rechne nicht damit, dass er bisher angekommen ist…

Nun ging es über die Dörfer, damals nannte ich es den Hinterhof von Burgos. Es hat sich einiges verbessert. Da ich allein lief und niemanden störte, begann ich, ausführlich Lobpreis zu singen, das mach ich meistens nur, wenn ich alleine laufe. Heute war jedoch genau der Tag dafür, passte ja auch. Ich hatte meinen schönen heiligen Vormittag: statt Gottesdienst, dachte ich mir.

Und so zückte ich nun meinen Rosenkranz. Heute war er dran so wie das Amen in der Kirche. Ich wählte an diesem Tag natürlich die glorreichen Geheimnisse. Bei dem 4. Geheimnis, Maria Himmelfahrt, hatte ich ein unfassbares Erlebnis: Mir passiert es immer wieder, dass ich beim Imaginieren der Rosenkranzgeheimnisse plötzlich in das Geschehn hineingezogen werde. Heute erlebe ich sehr deutlich den Moment, wo Maria stirbt und in die geistige Welt übergeht, etwas Neues kommt hinzu. Und dann sehe ich, dass Jesus sie mit weit geöffneten Armen empfängt und mit einer so unvergleichlich warmen Stimme „Mama“ zum Willkommen sagt, so als habe er lange voller Sehnsucht gewartet und sich unheimlich darauf gefreut, sie endlich in den Arm nehmen zu können. Er strahlte in so einem berührenden Glanz von Herzlichkeit, dass man auf ihn zulaufen möchte und sich ihm in die Arme werfen möchte. Und ich freute mich so für sie. Mir kamen im Gebet die Tränen. Und es kam ein weiteres Gefühl dazu: „Bitte, wenn’s irgend geht, das hätte ich auch gern, Jesus, dass Du da stehst, wenn ich sterbe, und mich mit meinem Namen so willkommen heißt!“  Er strahlte mich an: „Kannst Du haben! Ich werde da sein!“ sagt er mit derselben warmen Stimme. Nach dem 10. Ave-Maria war das Geheimnis und die Vision vorbei, aber die Antwort und dieses warme Gefühl blieb. Und ehrlich: Ich habe an diesem Tag ganz viel Angst vor dem Tod verloren in der Vorstellung dieser Begrüßung beim Übergang. Und ich glaube an sein Wort! Was für ein Geschenk an diesem Himmelfahrtstag Mariens! Ich dachte auch wieder an „El Cordero“ und den Herzensstein. Was für ein Wunder-voller Tag!

Hinter der Autobahn, an dieser kleinen Wohnsiedlung mitten in den Feldern, wähle ich diesmal den Weg an der Landstraße entlang. So langsam kommt auch die Sonne voll ins Tal, es wird warm. In einem weiten Bogen führte der Weg am Flughafen vorbei, dann überquerten wir eine Brücke über die Bahngleise und kamen in einem kleinen Ort an, Villafría. Dort gab es einige Bars, auch ein Hotel Las Vegas. Eingekehrt war ich heute schon, für mich ging es weiter, aber viele Pilger bogen ab. Und dann kommt sie, die unheimlich lange, gerade Straße nach Burgos hinein. Kilometerweit geht es nur geradeaus. Und ich bin sicher, nur weil es Sonntag war, war die Straße nicht so voll. An einem normalen Arbeitstag diese sechs-? acht-?spurige Straße??? So wars besser! Ein Fabrikgebäude neben Outlets und Lagerhallen. Das Industriegebiet von Burgos ist gewaltig. Irgendwann setzte ich mich mal auf eine Bank am Weg im Schatten von ein paar Büschen. Doch die Hoffnung treibt einen voran, irgendwann  muss das ja mal ein Ende haben und tatsächlich, irgendwann sah ich das Ortseingangsschild von Burgos, praktischerweise mit einer Uhr ausgestattet. Ich erreichte Burgos um 12.20 Uhr. Es sollte 21 Grad haben, gefühlt aber weit darüber.

Ortseingangsschild von Burgos Stadt

Ebenso praktisch war der Stadtplan unterhalb. Ich suchte nach der Straße, wo die Emaus Herberge sein sollte und fand sie auch, San Pedro Cardeña. Das war einfach. Ich musste nur die Straße weiterlaufen, bis ich zu einem Kreisverkehr kam, wo es über eine Brücke hinweg zur Autobahn ausgeschildert war. Dann mußte ich direkt nach der Brücke rechts abbiegen und dann eine Platz überqueren, hinter dem Platz links und dann noch einmal rechts und dann würde ich da sein. Super, das würde ich finden! Und mit Burgos fingen auch die Läden an. Ich kaufte mir ein wundervoll knuspriges Stück Kuchen mit viel Puderzucker drauf, ähnlich einem Prasselkuchen. Dann begegnete ich dem Spanier mit dem grünen T-Shirt wieder, er lachte über meinen Kuchen und sagte, er hätte sich auch so einen gekauft. Als ich mich umdrehte, sah ich den Eingang einer Kirche hinter mir.

Burgos, Santa Maria la Real!

Ich verabschiedete mich von ihm und ging hinein. Er rief mir zu: „Nos vemos en el alberge! (Wir sehen uns in der Herberge!)“ Ich dachte bei mir: „Eher nicht!“ Ich ging ja nicht in die große neue Herberge, sondern wollte in die kleine, kirchliche names Emaus. Als ich in die Kirche kam, hatte gerade der Gottesdienst begonnen. Wie schön! Ohne alle Planung doch noch geschafft! Und dann hieß die auch noch „Santa Maria la Real“, perfekter geht es doch nicht! Ich setzte mich in die drittletzte Reihe direkt neben den Taufstein und packte meinen Kuchen wieder ein, das war das einzige bedauerliche, ich hätte ihn in dem Moment gern auch komplett aufessen können. Aber ein wenig Pietät muss ja auch sein, oder? Es war so ein richtig schöner Gemeindegottesdienst. Die Lesung kannte ich ja schon, die Offenbarung. Dann kam eine Lesung aus dem 1. Korinther, die hatte es gestern noch nicht gegeben. Ich hörte von Christus und Adam. Und dann den Satz: „El último enemigo que será destruido es la muerte,  pues Dios «ha sometido todo a su dominio».“ (Der letzte Feind, der besiegt würde, ist der Tod. Denn Gott hat alles seiner Herrschaft unterworfen.) Puuhh, die arbeiteten aber heute wieder passgenau miteinander! Erst das Gebet mit dem wundervollen Todeserleben, dann das! Und dann kam wieder die Begegnung mit Elisabeth und das Magnificat aus dem Lukas-Evangelium. Ich schaute während der Predigt nach links zum Taufstein. Da waren große rote Buchstaben angebracht. Und dann war ich völlig überzeugt, dass ich gemeint war, dass ich einen solchen Tod haben darf, denn nur ich saß an diesem Tag nach diesem Gebetserleben in dieser Kirche neben diesem Taufstein:

„Hemos abierto la puerta del cielo para ti“ – „Wir haben die Tür des Himmels für Dich geöffnet!“

Die Tür des Himmels würde für mich geöffnet. Mehr als Wunder-voll. Wunder-Wunder-voll!!!

Watt? Pilger spinnen, drehen von der Sonne völlig durch?! Nein, das ist die Art, wie Gott sich uns auf dem Camino verständlich macht, man muss nur offen sein. Durch das Gebet, durch Dinge, die plötzlich vor unseren Augen auftauchen, durch Begegnungen, durch das Wort/die Lesung. Wie auf Wolken verließ ich die Kirche und schwebte kuchenessend die letzte Strecke bis zur Herberge. Unterwegs traf ich noch auf ein wahres Graffiti:

Alle Gebote des Kapitalismus fassen sich in einem zusammen: „Was auch passiert, die Bank gewinnt!“      Wohl wahr!

Wenn man nach den Geboten des Kapitalismus lebt, ist das wohl wahr. Wenn nach Gottes Gebot und den Jesu Anweisungen für Gottes Reich lebt, dann unterliegt man dem nicht mehr.

Als ich bei der Herberge um die Ecke bog, sah ich als erstes – nein, nicht Santiago – ein grünes T-Shirt. Der Spanier war auch da! Wahrscheinlich hatte er aus meinem Rosario und meinem Kirchgang geschlossen, dass ich auch diese Herberge aufsuchen würde! Wir lachten uns an und wieder klickerte was nebenbei in mir. „Nos vemos después!“ – „Wir sehen uns später“. Das hatte mir heute noch jemand versprochen. Und diese Begegnung schien mir nochmals als Bekräftigung dafür. Der Spanier heißt übrigens José und kommt – aus Barcelona!

Ich stellte meinen Rucksack in die Reihe vor die Herbergstür und unterhielt mich mit dem Spanier, da kam auch Santiago dazu. Er hatte die Stadtgrenze von Burgos schon um halb zehn überquert und war schon zur Sonntagsmesse in der Kathedrale gewesen, ganz ohne Eintritt, die anderen Messen sind ja in der Regel in den Seitenkapellen und das große Kirchenschiff dient nur für Besichtigungen. Und es muss sehr toll gewesen sein! So hatte jeder seins, wir beide waren zufrieden! Auch schön, oder?

Die Herberge namens „Emaus“ öffnete ihre Türen und wir wurden zunächst erstmal in einen Nebenraum gebeten, um Schuhe und Pilgerstäbe abzulegen. Dann ging es hinauf. Und waren wir gelandet. Hier war aber auch so etwas von die Tür zum Himmel aufgegangen! Über breite, glänzende Marmortreppen stiegen wir hinauf. Das war keine normale Pilgerherberge. Das war besser als ein Hoteleingang. Die Herberge war im Gebäude der Parroquia San José Obrero untergebracht.

Die Hospitaleros stellten sich als  Almudena und Javier aus Madrid vor. In einem schönen Aufenthaltsraum mit großem Esstisch und Bibliothek mit Sitzecke legten wir unsere Credenziale vor und wurden in die Liste eingetragen. Danach durften wir unsere Betten belegen. Die Namen der Zimmer waren nach Städten auf dem Camino benannt. Wir zogen nach Castrojeriz. Und dann die Zimmer! Die Doppelstock-Betten waren aus stabilem Holz. Neben jedem Bett war ein Ablageplatz mit Steckdose und Bettlampe. Die Matratze war dick und hatte einen karierten Bezug. Der Fußboden war gekachelt. Alles sah blitzsauber und frisch geputzt aus.  Und  die Badezimmer sahen so aus wie in einem besseren Congresszentrum. Auch wir durften auf unserem Camino mal Luxus haben. Die Herberge hat vier Zimmer, zwei Vierbettzimmer und zwei Sechsbettzimmer.

Wir duschten, machten uns ein leckeres Ciabatta und wuschen unsere Wäsche.  Almudena war in der Küche und bereitete die Cena vor. Wir fragten, ob wir helfen könnten. No, no necesario. Da waren wir reif für Burgos.Als schlenderten wir los und nach ca. 10 Minuten waren wir auch schon in der Innenstadt. Ich wollte auch nochmals in die Kathedrale und natürlich musste auch noch der Credenzial den Kathedralstempel haben. Vor der Kathedrale trafen wir Concepción, die Frau mit dem Pilgerwägelchen. Sie ist in der neuen Pilgerherberge, Casa del Cubo untergebracht. Wir schwatzen eine Weile, dann schickten wir sie in die Information der Kathedrale, damit auch sie ihren Stempel bekommt. Und während wir noch dort saßen und uns des Lebens freuten, wer fuhr da unten am Fuß der Treppe vorbei? Richtig: unser Italienischer Radfahrer mit der gestreiften Jacke!

Leider konnte man nicht mehr in die Kathedrale – jedenfalls nicht, ohne Eintritt zu bezahlen. Das war nur heute vormittag während des Gottesdienstes möglich. Doch die Gelegenheit hat mein Santiago genutzt. Erst um 15.00 Uhr ist wieder der Seitentrakt mit den Kapellen für Culto geöffnet, naja, mußten wir noch ein wenig warten.

Concepción vor der Kathedrale in Burgos

Bald wurde aber der Seitentrakt geöffnet und wir konnten nochmals Kathedralluft schnuppern und in den beiden offenen Kapellen uns an den Tag des Herrn erinnern. Wir versicherten uns, dass es am nächsten Morgen wieder die gesungene Messe um 10 Uhr gäbe, dann überließen wir uns wieder Burgos. Wir gingen zum Fluss und setzten uns auf eine Bank und jetzt gab es zur Feier des Tages ganz entspannt ein Eis.

Plaza Mayor in Burgos

Es dürfte gar nicht so heiß gewesen sein, wenn ich sehe, dass wir beide Jacken anhaben. Über die wunderschöne Plaza Mayor trödelten wir uns gemütlich  auf den Rückweg nach Emaús. Dabei fiel mir besonders ein Laden auf: Pecaditos hieß er, Sündchen bzw. kleine Sünden. Es ging um Lebensmittel!

Als wir wieder in der Herberge auftauchten, versicherten wir nochmals, dass wir nichts am Küchendienst verpassten. Nein, Almudena riet uns zur Eucharistischen Anbetung in der Kirche, sie hätte alles im Griff in der Küche. DAS war eine gute Idee und ein netter Zug von ihr! Die Kirche von San José Obrero ist recht modern und neu, doch es herrsche eine heimelige Atmossphäre darin. Als wir ankamen, war die Hostie in der Monstranz noch ausgesetzt und wir hatten eine schöne ruhige Zeit. Santiago schläft ja gern mal in der Kirche (das ist ihm auch nicht peinlich) und ich konnte einfach verweilen und genießen. Irgendwann stand der Pater auf, der vor dem Altar auf dem Fußboden gelegen haben musste, stellte die Monstranz ins Tabernakel und begann mit dem Gottesdienst. Mensch schön, nochmal! Drei Dinge fielen mir besonders auf in dieser Kirche: einmal die Heilig-Geist-Taube auf goldenen Strahlen auf dem Mittelausschnitt des Wandbildes Altars, dann ein Planetenmodell (ähnlich wie an der Weltzeituhr auf dem Alex) über dem Altar und an der Seite eine eindrucksvolle Jesus-Skulptur-Gruppe auf der rechten Seite. Sie war von einer Bank gespendet worden Es waren einige Pilger in der Kirche, die wir kannten: José und die Franzosen, aber auch einige neue Pilger, die man klar an ihrem Outfit erkannte.

Vor dem gemeinsamen Abendessen saßen wir am Tisch noch eine Weile mit Almudena und Javier zusammen, es kam auch eine weitere Deutsche dazu, Andrea, sie hatte einen fränkischen Akzept. Almudena kam aus Madrid und war hier mit Javier Aushilfs-Hospitalera. Die Stamm-Hospitalera war eine Französin. Aber Almuldena sprach auch gut Französisch. Javier kam aus Argentinien, lebte aber schon eine Weile in Spanien. Almudena war ganz interessiert an meiner Arbeit und so hatte ich mal etwas Gelegenheit, über meine am christlich orientierten Heilpraktikertätigkeit zu erzählen. Mehr und mehr füllte sich nun der Tisch, bis wir alle eng beieinander saßen, ein kleiner Kreis, die hier alle wie wir die Acogica Cristiana suchten und fanden: das französische Pärchen, mit dem wir seit Logroño parallel liefen, José, zwei weitere französische Paare, Andrea, ein junger Spanier, zwei spanische Radpilgerinnen. Es wurde Peregrino gesprochen, ein bunter Sprachmix aus Spanisch, Deutsch, Französisch und Englisch, bis das alles einen „gefrässigen Schweigen wich. Gestern hatte es in der Gemeinde eine Party gegeben und wir waren die Nutznießer der exzellenten Überreste als Vorspeise: Salate, Canapés, gefüllten und fritierten Teigröllchen, gebratenen Fleischstückchen. Und als Hauptspeise gab es eine Linsensuppe mit mediterranem Gemüse. Hervorragend! Wir wurden alle wundervoll satt, es gab reichlich! Nach dem kulinarisch schmalen Abend in San Juan de Ortega eine willkommene Abwechslung!

Einer der Franzosen war erkältet und hatte schwere Halsschmerzen. Almudena schlug vor, dass ich ihn behandeln könnte, wenn wir beide wollen. Nun, um diese Uhrzeit fehlte mir einfach die Kraft und die Konzentration, aber am nächsten Morgen: Gerne. Wir wollten eh erst um 10 in die Kathedrale, da wäre vorher noch Zeit! Nach dem Abendessen und dem gemeinsamen Abwasch, von dem wir verschont blieben, weil wir so saßen, dass wir unseren Platz erst als letzte verlassen konnten, machten wir uns auf in Richtung Kirche.

Auf einer Empore über dem Kirchraum setzten wir uns im Kreis zusammen. Almudena leitete den Kreis an und ermunterte uns, von uns, unserem Aufbruch, unserem Weg und unseren Erfahrungen zu berichten. Santiago berichtete als erster, er legte uns ans Herz, unser Bewusstsein für den Wandel beim Pilgern zu öffnen, damit wir unseren wunderbaren Planeten nicht weiter zerstören. Bei seinen Worten kamen ihm die Tränen, so intensiv war sein Erleben inzwischen. Er sprach auch davon, dass es Tage gäbe, wo er einfach nur ankommen wolle und einfach ohne Pause weiterliefe, damit dies bald wäre. Almudena riet ihm, zwischendurch das Auf-dem-Weg-Sein über dem Ankommen nicht zu verpassen. Die Französin erzählte von einem Spruch, den sie vor dem Camino gehört hatte: „Nicht der Weg ist schwer, sondern das Schwere ist der Weg.“ Inzwischen habe sie verstanden, was damit gemeint wäre: Pilgern ist schon immer wieder mal echt anstrengend, aber das gehört einfach dazu. Es hätte nicht die gleiche Wirkung, wäre nicht so prägend, wenn alles nur glatt und geradeaus ginge. Ich erzählte die Geschichte von meinem heutigen Gebet, meinen fabelhaften Aussichten für meinen Tod und dem Spruch am Taufstein. Auch hier, in dieser Herberge, hat sich der Himmel für mich geöffnet und ich dankte Almudena, Javier und der Gemeinde für diese schöne Herberge.

José erzählte uns, in diesem Frühjahr hätten sich so intensiv die Zeichen und Hinweise auf den Camino in seinem Leben gehäuft, dass er irgendwann nachgegeben und den Camino eingeplant hätte. Der Camino tat ihm ausgesprochen gut, denn er hatte gerade eine Trennung überstanden. Er hatte sich entschlossen, alle Kontrolle aufzugeben, und Gott alles zu überlassen, um ihm zu zeigen, warum er ihn auf dem Weg haben wollte. Er ging so weit, dass er Gott jeden Tag morgens darum bat, ihn wieder von Neuem zu überraschen. Das fand ich schön und nahme es auch für mich mit:

Überrasch mich bitte heute wieder!

Soprende me hoy otra vez!

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14.8.2010 Redecilla – St. Juan de Ortega (38 km)

Tja, da lag er wieder, der Italiener. Da wir uns vorgenommen hatten, an diesem Tag nach St. Juan zu laufen, klingelte früh  der Wecker und wir machten wir uns um kurz vor sechs Uhr auf die Straße – im Dunkeln noch. Es würden etwa 36 – 38 km werden, je nach Kilometertabelle. Meine Freundin Silvia schwärmte immer so von St. Juan, da wollte ich auch mal dort übernachten. Ich glaube, sie war dagewesen, als noch José María Alonso hier seine Knoblauchsuppe kredenzte.

Ein letzter Blick auf die Kirche von gestern abend, dann ging es los durch die Felder nah an der Straße. Erst durchqueren wir Castildelgado, dann kam Viloria. Dort  machten wir am Kilometerschild eine wundersame Entdeckung:

Kleines Pilgerratespiel: Was ist hier anders?

Links und rechts von der N-120 geht es weiter. Wir erreichten Belorado und fanden die Kirche St. María offen. Dort hatten wir eine sehr schöne Pilgerandacht erlebt. Heute hängt ein Ché-Jesus in der Kirche und schaut einem mit meinem Konfirmationsspruch freundlich beim Beten zu: „Yo soy el camino“.

Gern wäre ich länger geblieben, doch Santiago war deutlich abmarschbereit. Ich kann auch nochmals einen Blick in die originelle Pilgerherberge in dem alten Theater werfen. Zügig fanden wir unseren Weg aus Belorado heraus. „Pueblos miserables“ nannte Santiago einige der Dörfer, die wir heute durchquerten: Villamayor del Río, Villambistia, Espinosa del Camino.

Aber es gab auch ein Highlight in Tosantos, die Ermita St. María de la Peña, die von weither am Berg zu sehen ist. Frühstückspause gab es erst in Villafranca Montes de Oca, vorher hat nix offen. Vor allem war jetzt Rast angesagt, weil nach Villafranca geht es in jene Montes de Oca, so richtig, richtig steil den Weg hinauf. Das war mal wieder ein schönes Städtchen mit der knubbeligen Kirche, die schon vom Eingang her so gut sichtbar ist. Vor einer Bäckerei am Ortseingang saß eine bunte Gruppe von Pilgern, die uns auch an ihren Tisch einlud, vor allem eine Peruanerin, die Santiago nach seiner Heimat fragte. Ja, sie erkennen sich…so häufig sind Latinos nicht auf dem Camino zu finden. Aber da die Tische direkt am Parkplatz standen, schlugen wir die Einladung aus und suchten uns einen stilleren und schöneren Ort. Wir passierten die Kirche und wen sahen wir? Den Italiener mit der gestreiften Jacke und dem roten Fahrrad. Wir grüßten und fragten uns wirklich: Kommt der mit seinem Fahrrad nicht schneller voran? Warum ist er noch hier! Erst fuhr mit viel Mühe den Berg hinter der Kirche bis zum Hotel und zur Herberge hinauf und schaute sich alles an, dann liess er sich wieder hinunterrollen. Dieser Mann gab uns wirklich Rätsel auf.

Wir setzten uns auf eine grüne Bank unter einen schönen Baum und genossen, was wir hatten. Während wir noch saßen, kamen eine Menge Pilger den gepflasterten Weg bergan. Und das verliebte französische Pärchen aus Logroño. Irgendwann auch der Deutsche mit der Narbe und das blonde Mädchen aus Redecilla. Sie kehrten in der Herberge ein, die hinter dem Hotel lag, bestimmt eine schöne Herberge! Das war zwar noch früh, gerade zwölf Uhr, aber wir hatten ja auch schon 26 km hinter uns, eine rekordverdächtige Strecke für die Uhrzeit. Allerdings war es auch frisch gewesen, hatte sogar ein wenig geregnet. 12 km hatten wir heute noch auf dem Zettel und sicher den einen oder anderen Anstieg.

Innerlich gerüstet für den Aufstieg machten wir uns wieder auf den Camino. Und es war steil. Und dann ein menschliches Highlight: Uns kam ein Pilger entgegen mit einem wirklich riesigen blauen Müllsack. Santiago sprach ihn an. Er erzählte uns, er sei auf dem Rückweg von Santiago und hätte dort für sich die Aufgabe angenommen, den Camino auf dem Rückweg von Müll zu befreien. Wahrhaftig hatte eine Menge gefunden und so dauerte sein Weg bestimmt länger, als wenn er einfach nur gelaufen wäre. Trotz dieser unhandlichen Last war er sehr guter Laune, aber das ist auch ein Lohn der exzellenten Tat, der Heilige Geist kehrte mit Freude bei ihm ein. Wir sprachen ihm unsere Anerkennung aus und dankten ihm. Das fanden wir richtig klasse, ein Camino-Engel! Ach ja, liebe Mitpilger, das können wir alle, machen wir mit!  Was wir unterwegs nicht mehr brauchen, das können wir auch noch so lange tragen, bis wir irgendwo ankommen, wo wir es auf rechte Weise entsorgen können.

Und es lohnt sich. Eine wunderschöne Landschaft beginnt in den Montes de Oca, ein Sahnestückchen auf dem Camino, das ich unbedingt nochmals laufen wollte. Duftende Kiefernwälder, aber auch Laubbäume, ob der Feuchtigkeit mit Flechten bewachsene Baumstämme, Farne, Gräser, Moose und bemooste Steine.

Wälder in den Montes de Oca…

Heidekraut, Steineichen und Eiben

Doch als wir eine Weile auf dem Bergrücken entlanglaufen, entdecken wir, dass die damals frischgeschlagenen Schneise, die wir das letzte Mal entlang gelaufen sind, heute Landstraße sind. Damals war es wirklich still, weit ab von jeder Straße. Oder war damals die Landstraße schon so dicht am Camino? Ich weiß es nicht.

Die neue steile Piste

Dafür ist jetzt großenteils aus einem sanften, weichen, fußschonenden Waldcamino eine Schotter-Piste geworden, die für die Bicigrinos ein Paradies ist, so wie sie teilweise vor Freude johlend an uns vorbeirauschten. Eines der schönsten Wegstücke des Francés war so für mich doch etwas entzaubert. Ja, liebe Pilger, der stille Zauberwald der Montes de Oca ist jetzt teilweise als Rennstrecke freigegeben. Dass zusätzlich hier die Quads ebenfalls ihren „Camino“ haben erwähne ich nur nebenbei… Schade!

Bicigrinos im Geschwindigkeitsrausch

Der Weg bis zum Kloster zieht sich, es ist wieder viel Piste, die wir nun laufen. Wir trafen unterwegs das französische Pärchen beim Pausieren, sie waren an diesem Tag in Viloria, also ein Dort weiter als wir, aufgebrochen. Gegen halb drei sahen wir in der Distanz St. Juan und um drei Uhr waren wir da. Eine junge Frau stempelte im Dunst ihrer Räucherstäbchen unsere Credenziale, dann wurden wir kurz eingewiesen und suchten uns nach dem Schuheausziehen unser Bett. Die Schlafräume sind recht groß und meist sind es recht betagte Metallstockbetten mit dicken Matratzen. Es war kalt! Mit der Essensversorgung war es hier nicht so günstig. Es gab zwar eine Bar nebenan und ansonsten Getränkeautomaten im Vorraum der Herberge, aber sonst nur einen Speiseraum mit einer einsamen Mikrowelle. So gab es nur die Reste vom Brot aus Villafranca, Tomate und Käse und – eine Rolle Marías, unsere ewige Notration. Dafür hatte dieser Abend eher eine spirituelle Note.

Wir fanden unser Bett im 2. Schlafraum und es trudelten noch mehr Bekannte ein. Das französische Pärchen landete neben uns. Und es war schon anzusehen, wie behutsam und sorgsam der Mann sich um Beine und Füße seiner Hélène kümmerte, sie eincremte und massierte. Beneidenswert… Und als wir Siesta hielten, da war auch der junge Brasilianer aus Logroño dort. Er hatte mit einem blonden, deutschen Mädchen Bekanntschaft gemacht und ihr Flirtgespräch auf Englisch und Deutsch, das er zu lernen suchte, unterhielt den ganzen Raum. Sie kicherte die ganze Zeit etwas albern wie Baby aus Dirty Dancing und er strahlte über das ganze Gesicht wie ein Honigkuchenpferd, so offen und freudig hatten wir ihn noch nie gesehen. Nett, oder? Haben wir ihm gegönnt! Irgendwann wollte er von ihr das Vaterunser auf Deutsch lernen, da machte sie leider unterwegs schlapp, doch aus mehreren Betten im Raum erscholl die Fortsetzung, so dass das Vaterunser dann für den jungen Mann vollständig wurde.

Wir trafen auch die blonde Spanierin mit dem Pilgerwägelchen aus Redecilla wieder. Sie war erst gegen halb sieben da, aber tapfer, tapfer, wenn  man bedenkt, welche Steigungen sie ihr Wägelchen hochgezerrt haben musste. Sie bekam kein Bett mehr, aber wir öffneten ihr die Tür zur Herberge und schlussendlich übernachtete sie auf ihrer Matte im Speiseraum.

Auf dem großen Platz trafen wir auch ein älteres, deutsches Pilgerpärchen, dass Santiago ansprach und sich an ihn erinnerte, wie er nach Logroño hineingejoggt wäre. Aha, so läuft er also, wenn er allein ist! Daher war er schon vor ein Uhr dagewesen! Nichts bleibt geheim auf dem Camino… Da durfte ich das Pärchen dann natürlich mit einem echten Santiago fotografieren und bestimmt hat dieses Bild einen Ehrenplatz im Fotoalbum.

Nach der Siesta besichtigten wir die Kirche und die Ausstellung. So waren nun die alten Bereiche des Klosters wieder offen, die vorher verschlossen waren. Gut hat es mir gefallen hier, eine Mischung zwischen traditioneller Ausstellung und Multimedia. Wir besuchten die Abendmesse. Da noch etwas Zeit war, beteten wir ein wenig. Kurz vor sieben Uhr stand ein Mann in einem karierten Hemd auf, der die ganze Zeit in einer der vorderen Bänke gesessen und gebetet hatte und kam im Talar wieder, der örtliche Pfarrer. Und so begann die Vorabendmesse zu Maria Himmelfahrt. Die Kirche war voller Pilger. Die 1. Lesung war die faszinierende und gewaltige Marienszene mit dem Dachen aus der Offenbarung des Johannes 11 und 12:

Der Tempel Gottes im Himmel wurde geöffnet, und in seinem Tempel wurde die Lade seines Bundes sichtbar: Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen. Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt. Die Frau aber floh in die Wüste, wo Gott ihr einen Zufluchtsort geschaffen hatte. Da hörte ich eine laute Stimme im Himmel rufen: Jetzt ist er da, der rettende Sieg, die Macht und die Herrschaft unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten.

Auf Spanisch klingt das nochmal so krass. Die andere Lesung war Marias Besuch bei Elisabeth und das Magnificat, was ich beides ebenfalls schon gut kenne. Und auch hier klingt das Magnificat toll auf Spanisch:

„Mi alma glorifica al Señor, y mi espíritu se regocija en Dios mi Salvador, porque se ha dignado fijarse en su humilde sierva.Desde ahora me llamarán dichosa todas las generaciones, porque el Poderoso ha hecho grandes cosas por mí.¡Santo es su nombre! De generación en generaciónse extiende su misericordia a los que le temen. Hizo proezas con su brazo; desbarató las intrigas de los soberbios. De sus tronos derrocó a los poderosos, mientras que ha exaltado a los humildes. A los hambrientos los colmó de bienes,y a los ricos los despidió con las manos vacías. Acudió en ayuda de su siervo Israel y, cumpliendo su promesa a nuestros padres, mostró su misericordia a Abraham y a su descendencia para siempre.“

Nach der Messe hielt uns der Pfarrer eine ausführliche Pilgerandacht mit Pilgersegen, dazu lagen in der Kirche auch Heftchen in mehreren Sprachen aus. Der Pfarrer erklärte uns noch einige der Besonderheiten dieser wunderbaren Kirche. Zum Schluss sangen wir gemeinsam das Salve Regina. Schön war das, verbindend auch! Morgen würde er sein, der große Tag Mariens! Vor einem Jahr war ich in Fulda im Benediktinerinnenkloster als Pilgerin zu Gast gewesen und hatte an der großen Maria Himmelfahrts-Prozession im Park gegenüber dem Dom teilgenommen. Was würde ich nun hier auf dem Camino erleben?

Und hier nun die Bilder der Kirche von St. Juan. Disfruta:

Baldachin des San Juan de Ortega

Unter diesem filigranen Steinbaldachin liegen zwar nicht die sterblichen Überreste des Heiligen, aber auf den Seiten sind Szenen und Wunder seines reichen Lebens abgebildet. Und durch den Baldachin durch lenkt sich trotzdem der Blick auf den Hauptaltar mit dem Heiligsten von allen, Jesus. Es haut einen förmlich um.

Seitenansicht des Baldachins

Retablo de la Virgen

Der römische Steinsarg befand sich in der Ausstellung

Bildausschnitt auf dem Steinsarg

Er wies uns auch auf das Capitel del la Annunciación hin. Am Tag der Tag-und-Nachtgleiche fällt ein Lichtstrahl auf diese Säulenskulptur und beleuchtet nacheinander die Szenen von der Ankündigung der Geburt Jesu bis zur Geburt und ihrer Verkündigung durch den Engel an die Hirten. Eine genaue Bildabfolge dieses Phänomens sieht man hier. Was die damals alles konnten!

Es wurde kalt abends hier oben, wir befanden uns ja schon wieder auf über 1000 m. Man konnte auch so richtig nichts mehr machen – außer sich ordentlich zudecken und schlafen. Was wir dann auch taten…nachdem ich meinen Rosario noch gebetet hatte.

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